Arbeitsort von Lehrer Georg Frieß in der Domerschulstraße 2
Ludwigstr. 2 – Gestapo-Zentrale
Gestapo-Zentrale Würzburg
Die Adresse Ludwigstraße 2 (Ludwigstrasse / Ecke Rüdigerstrasse) war zur Zeit des Nationalsozialismus der Sitz der regionalen Leit- bzw. Außenstelle der Geheimen Staatspolizei (Gestapo).
Ort der Täter
Von hier aus wurde der politische Terror, die Überwachung der Bevölkerung und die Verfolgung von Gegnern des Regimes im Raum Mainfranken gesteuert. Hier saßen die Hauptorganisatoren der Deportation unterfränkischer Juden und vieler weiterer brutaler Verfolgungsprozesse in ihren Büros.
Das damalige Gebäude wurde in der Bombennacht am 16.03.1945 zerstört.
Zerstörte Gestapo-Zentrale, Ludwigstrasse2, Blick Richtung Rüdigerstrasse 1945
Die Gestapo in Würzburg
Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) in Würzburg war das zentrale Terror- und Überwachungsorgan des Nationalsozialismus im Gau Mainfranken. Ursprünglich aus der Politischen Abteilung der Würzburger Polizeidirektion hervorgegangen, agierte sie ab 1936 als eigenständige Staatspolizeistelle. Im Sommer 1941 wurde sie organisatorisch zu einer Außendienststelle der Gestapo Nürnberg-Fürth umgewandelt, behielt jedoch ihre regionale Schlüsselrolle.
Ihre Hauptaufgabe lag in der systematischen Verfolgung aller Gruppen, die nicht in die nationalsozialistische Ideologie passten.
Sonderfall Würzburg: Viele Akten sind erhalten
Anders als in vielen anderen Städten, gelang es am Ende des Krieges nicht, alle Akten zu zerstören. Die zahlreichen verbliebenen Akten liegen heute im Staatsarchiv Würzburg. Sie belegen eine lückenlose und brutale Überwachungspraxis.
Deportation der jüdischen Bevölkerung
Die Würzburger Dienststelle koordinierte maßgeblich die Entrechtung und anschließende Deportation der unterfränkischen Jüdinnen und Juden. Unter ihrer Regie wurden zwischen November 1941 und Dezember 1944 über 2.060 Menschen aus der Region über Würzburger Sammelplätze (wie den „Platz’schen Garten“) in die Vernichtungslager des Ostens verschleppt.
Ausschaltung politischer und weltanschaulicher Gegner
Die Gestapo verfolgte gnadenlos Kommunisten, Sozialdemokraten sowie Angehörige der christlichen Kirchen, die Widerstand leisteten. Ein bekanntes Opfer ihrer Repression war der im KZ Dachau verstorbene unterfränkische Pfarrer Georg Häfner.
Einsatz von Folter und „Schutzhaft“
Bei Verhören setzten die Beamten systematisch Gewalt ein. Über das Instrument der sogenannten „Schutzhaft“ entzog sich die Behörde jeglicher richterlichen Kontrolle und wies Gefangene direkt in Konzentrationslager ein.
Abhängigkeit von Denunziationen
Die historische Forschung zeigt, dass die Würzburger Gestapo keineswegs allwissend war. Ihre immense Effizienz zog sie zu einem Großteil aus der aktiven Zuarbeit und den Denunziationen durch die Würzburger Bevölkerung.
Hafteinrichtungen
Neben den Zellen in ihren Dienstgebäuden betrieb die Gestapo im späteren Kriegsverlauf das Gestapo-Notgefängnis Friesstraße, in dem vor allem ausländische Zwangsarbeiter unter grausamen Bedingungen inhaftiert wurden.
Hauptorganisator der Deportationen: Michael Völkl
Michael Völkl war als Kriminalinspektor, Leiter des Judenreferats und stellvertretender Dienststellenleiter der Gestapo Würzburg der zentrale Organisator und Hauptverantwortliche für die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Unterfranken (Mainfranken) während des Nationalsozialismus.
Wegen seiner kalten Effizienz und federführenden Rolle bei der Verschleppung von über 2.000 Menschen wurde er historisch auch als der „Eichmann Unterfrankens“ bezeichnet.
Ein Mitarbeiter sagte nach dem Krieg über ihn:
„Michael Völkl, Abteilungsleiter und stellv. Dienststellenleiter ist mir bekannt. Als ich 1938 zur Gestapo kam, war Völkl Abteilungsleiter und hatte das Referat Juden unter sich. Wie allgemein bei der Dienststelle bekannt, hat Völkl die Juden nicht gut behandelt. […]
Später, als die Juden aus Würzburg weg waren, war er eine Zeitlang Dienststellenleiter. […]
Seiner charakterlichen Veranlagung nach war Völkl ein skrupelloser Mensch. Er scheute sich nicht, in seinen Bekanntenkreis sich als König von Würzburg zu bezeichnen. Dieser Ausspruch von [sich] ist bezeichnend für seine Person und besagt alles. […]“
Seine Rolle bei den Deportationen
Die übergeordnete Gestapostelle Nürnberg-Fürth erteilte die Rahmenbefehle. Völkl übernahm die detaillierte logistische Detailplanung, die Erstellung von Deportationslisten sowie die operative Durchführung vor Ort.
Er instruierte das Wachpersonal und die Gestapo-Mitarbeiter direkt bei den Transporten, wie historische Aufnahmen dokumentieren.
Völkl bei der Instruktion der Einsatzkräfte.
Unter seiner Aufsicht leitete die Gestapo die systematische Enteignung. Dazu gehörten Leibesvisitationen, akribische Gepäckdurchsuchungen und das Eintreiben von Vermögenserklärungen der Opfer.
Zwischen November 1941 und Juni 1943 koordinierte er die Verschleppung von mindestens 2.063 jüdischen Männern, Frauen und Kindern aus Mainfranken. Die Routen führten in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten.
Berichte von Zeitzeugen und Kollegen hielten fest, dass Völkl die jüdische Bevölkerung extrem schlecht behandelte. Er trieb die „Entjudung“ der Region mit fanatischem Pflichtbewusstsein voran.
Die Deportation aus der Sicht von Michael Völkl (Der Text ist fiktiv, beruht aber auch Fakten)
Nachkriegsgeschichte
Trotz der erdrückenden Beweise, Zeugenaussagen und erhaltener Fotodokumente der Würzburger Gestapo wurden die juristischen Verfahren gegen Michael Völkl und weitere Haupttäter in der Nachkriegszeit wiederholt eingestellt.
Ort der Verhöre
In der Ludwigstrasse 2 verhörte die Gestapo die Verfolgten des NS-Regimes. Hier wurden Fotos gemacht und Berichte und tödliche Befehle geschrieben. Von hier aus wurden die Verfolgten, wie die queere Ilse Trotzke und die homosexuellen Georg Kleider und Dr. Leopold Obermayer dann in Gefängnisse und Konzentrationslager eingewiesen.
Die folgenden Biografien und Dokumente zeigen Beispielhaft die Arbeit der Würzburger Gestapo
Ilse Trotzke
Ilse Totzke (1913–1987) kam 1932 als Musikstudentin nach Würzburg, wo ihr unangepasster Lebensstil und ihre Zivilcourage schnell in Konflikt mit dem NS-Regime gerieten. Weil sie konsequent den Hitlergruß verweigerte, Herrenkleidung sowie einen modischen Kurzhaarschnitt trug und enge Beziehungen zu jüdischen Freundinnen pflegte, wurde sie von Nachbarn mehrfach als „lesbisch“, „männerfeindlich“ und „asozial“ bei der Gestapo denunziert.

Trotz intensiver behördlicher Überwachung und wiederholter Verhöre weigerte sie sich, ihre jüdischen Kontakte abzubrechen, und unternahm im Februar 1943 mit ihrer Freundin Ruth Basinski einen Fluchtversuch in die Schweiz.

Nach der Abschiebung durch Schweizer Grenzer wurde Totzke im Mai 1943 in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, das sie im April 1945 überlebte. Sie starb 1987 im französischen Haguenau.
Für ihren mutigen Einsatz zur Rettung jüdischer Mitbürgerinnen wurde sie im Jahr 1995 postum von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt; zudem trägt heute eine Straße in Würzburg ihren Namen.
Ludwig Regensteiner
Ludwig Regensteiner lebte zusammen mit seiner Ehefrau Bella im Herzen der Würzburger Altstadt.
Mit dem Amtsantritt der Nationalsozialisten im Jahr 1933 und der Radikalisierung durch lokale Parteifunktionäre wie Kreisleiter Xaver Knaup geriet auch das Leben der Familie Regensteiner in Würzburg zunehmend unter massiven Druck, der von wirtschaftlicher Isolation bis hin zu offener Gewalt reichte.
Bereits im April 1933, etwa ein Jahr nach dem Umzug an den Dominikanerplatz 1, wurde Regensteiner von einer nationalsozialistisch gesinnten Nachbarin denunziert. Die Frau gab der Gestapo gegenüber an, er habe im Juli 1932 auf ihren Hitlergruß mit einer harschen Beleidigung gegen den Parteiführer geantwortet und ihr zugerufen: „Was gehört [sic] mich der Hitler an.“ Bei der anschließenden Vernehmung glaubten die Beamten dem Verhafteten, als dieser aussagte, die Schimpfworte wären in Richtung der Dame und explizit nicht gegen den Reichskanzler gerichtet gewesen.

In den folgenden Jahren hielt sich Ludwig mit kritischen Bemerkungen zurück.
Während der Reichspogromnacht am 9. und 10. November 1938 wurde das Ehepaar Regensteiner direktes Opfer des organisierten Terrors in Würzburg. Die Wohnung der Regensteiners am Dominikanerplatz wurde vom Mob verwüstet.
Regensteiner selbst wurde wie sehr viele jüdische Männer infolge des Novemberpogroms 1938 gefangen genommen. Dazu wird er von der Gestapo wie ein Verbrecher fotografiert.

Zunächst kam Ludwig für einige Tage in das Würzburger Gefängnis, in das ihn seine herzkranke Frau Bella freiwillig begleitete, um bei ihrem Mann bleiben zu können.
Am 16. November verlegte man den parteilosen Pensionär jedoch für vier Tage in das Konzentrationslager Dachau, wohin ihm Bella nicht nachfolgen durfte. Sie muss bei der Gestapo die ihm abgenommenen Gegenstände abholen.

Nach der Entlassung wurde Regensteiner erneut von der Gestapo vorgeladen. Am 22. November 1938 fragte der verhörende Beamte provokativ, warum Ludwig Regensteiner und seine Frau bisher nicht emigriert seien, man habe die Juden doch wiederholt gewarnt. Regensteiner musste sich verpflichten, die Emigration bald anzugehen und mit der Rentenkasse abzustimmen.
In den letzten drei Würzburger Jahren wurde der nervenkranke Ludwig Regensteiner nach einer ärztlichen Untersuchung, die ihn für arbeitsfähig befand, zur Zwangsarbeit verpflichtet.

Am 25. April 1942 wurde das Ehepaar von der Würzburger Gestapo im Zuge der dritten großen Deportationswelle aus der Stadt verschleppt und in das Durchgangsghetto Krasniczyn im besetzten Polen transportiert. Die Akte Regensteiner wird mit dem Deportationsbogen damit geschlossen.

Kurze Zeit nach ihrer Ankunft in Polen wurden Ludwig Regensteiner und seine Frau entweder direkt in Krasniczyn oder in einem der umlieggenden Vernichtungslager des NS-Regimes ermordet.
Literatur
Andreas Heinrich Winkler: Die Geheime Staatspolizei im NS-Gau Mainfranken 1933-1945, erschienen in Schriften aus der Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Band 45, Bamberg 2023. PDF-Version Online
Organisator der Judendeportationen in Mainfranken und „König von Würzburg“: Michael Völkl von Herbert Schott, in: Täter Helfer Trittbrettfahrer, Bd. 19: NS-Belastete aus Unterfranken von Wolfgang Proske (Herausgeber), Kugelberg Verlag 2025.
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