Ort der Verhöre und der Täter
Sammelstelle Schrannenhalle
Heute ist nur noch eine Mauer mit einer Hinweistafel zu sehen. Seit 1859 stand hier eine Stadthalle, die als Getreidebörse errichtet wurde. Daher trug das Gebäude den Namen Schrannenhalle. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Halle schließlich zu einer Sammelstelle für jüdische Menschen.
Hier wurde die erste Deportation abgefertigt.
Die Sammelstelle war eine Zwischenstation vor dem Konzentrationslager des NS-Systems, um Juden und Jüdinnen von der deutschen Gesellschaft abzugrenzen. Die erste Deportation aus Würzburg war am 27.11.1941. An diesem Tag wurden 202 Juden und Jüdinnen aus Würzburg deportiert.
Sie wurden gezwungen, sich vor der Schrannenhalle zu versammeln. In der Halle wurden sie durchsucht und anschließend enteignet.
Gestapo-Beamte kontrollieren das Gepäck, darunter die Beamten Krauß und Baumann.
Mitten in der Nacht mussten die Menschen zu Fuß den Weg von der Schrannenhalle zum Güterbahnhof in der Aumühle zurücklegen.
Das Bild zeigt den nächtlichen Gang der Deportierten zum Güterbahnhof Aumühle.
Daraufhin wurden sie ins Sammellager in Nürnberg-Langwasser und von dort in das SS-Lager Riga-Jungfernhof gebracht. Von den 202 Deportierten der ersten Deportation überlebten nur 16 Menschen.
Ausgewählte Schicksale von Kindern und Jugendlichen der ersten Deportation
Bei der ersten Deportation am 27.11.1941 wurden aus Würzburg 202 jüdische Bürger und Bürgerinnen deportiert. Darunter Frauen, Männer, Jugendliche und sogar Kinder. Die folgenden Biografien stehen beispielhaft für die verschiedenen Schicksale der jungen Verfolgten.
Dorothea Grünfeld
Dorothea Grünfeld wurde mit 6 Jahren mit einen Kindertransport nach Belgien geschickt, um sie vor Verfolgung zu schützen. Nach der Besetzung Belgiens durch Deutschland wurde sie im Dezember 1940 allerdings wieder nach Würzburg zurückgebracht. Am 27. November 1941 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter nach Riga-Jungfernhof deportiert. Sie starb dort, wie ihre Mutter, aufgrund Kälte, Hunger oder wurde Opfer einer Massenerschießung am 26. Mai 1942.
Sanny Essinger
Sanny Essinger wurde kurz vor ihrem dritten Geburtstag zusammen mit ihrer Familie auch zum Riga Jungfernhof deportiert. Dort oder in der Nähe sind Sanny und ihr siebenjähriger Bruder Werner sowie ihre Mutter Mirjam aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen umgekommen oder Opfer der Massenerschießungen in den Wäldern der Umgebung geworden.
Herbert Mai
Herbert Mai wurde mit 12 Jahren deportiert, musste Zwangsarbeit leisten und war dann mit 14 Jahren im KZ Stutthof. Nach einem Todesmarsch erlebte Herbert nur knapp das Kriegsende im Mai 1945 und kehrte nach Würzburg zurück. Er war einer der wenig überlebenden Kinder.
Der Hauptorganisator Michael Völkl
Michael Völkl war als Kriminalinspektor, Leiter des Judenreferats und stellvertretender Dienststellenleiter der Gestapo Würzburg der zentrale Organisator und Hauptverantwortliche für die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Unterfranken (Mainfranken) während des Nationalsozialismus. Wegen seiner kalten Effizienz und federführenden Rolle bei der Verschleppung von über 2.000 Menschen wurde er historisch auch als der „Eichmann Unterfrankens“ bezeichnet.
Seine Rolle bei den Deportationen
Die übergeordnete Gestapostelle Nürnberg-Fürth erteilte die Rahmenbefehle. Völkl übernahm die detaillierte logistische Detailplanung, die Erstellung von Deportationslisten sowie die operative Durchführung vor Ort.
Er instruierte das Wachpersonal und die Gestapo-Mitarbeiter direkt bei den Transporten, wie historische Aufnahmen dokumentieren.
Völkl bei der Instruktion der Einsatzkräfte.
Unter seiner Aufsicht leitete die Gestapo die systematische Enteignung. Dazu gehörten Leibesvisitationen, akribische Gepäckdurchsuchungen und das Eintreiben von Vermögenserklärungen der Opfer.
Zwischen November 1941 und Juni 1943 koordinierte er die Verschleppung von mindestens 2.063 jüdischen Männern, Frauen und Kindern aus Mainfranken. Die Routen führten in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten, darunter Riga, Krasnystaw (nahe Sobibor) und Auschwitz.
Berichte von Zeitzeugen und Kollegen hielten fest, dass Völkl die jüdische Bevölkerung extrem schlecht behandelte. Er trieb die „Entjudung“ der Region mit fanatischem Pflichtbewusstsein voran.
Nachkriegsgeschichte
Trotz der erdrückenden Beweise, Zeugenaussagen und erhaltener Fotodokumente der Würzburger Gestapo wurden die juristischen Verfahren gegen Michael Völkl und weitere Haupttäter in der Nachkriegszeit wiederholt eingestellt.
Die Deportation aus der Sicht von Michael Völkl (Der Text ist fiktiv, beruht aber auch Fakten)
Georg und Käthe Frieß
Georg Frieß und seine Ehefrau Käte Frieß waren ein junges jüdisches Ehepaar aus Würzburg, das durch die erste Deportation aus Würzburg am 27. November 1941 verschleppt wurde.
Während Georg die Shoah nicht überlebte, verdankt die Nachwelt Kätes präzisen, im Exil verfassten Aufzeichnungen einen der wichtigsten und bewegendsten Augenzeugenberichte über den Beginn der unterfränkischen Judendeportationen.
Weiterführende Informationen
Online-Ressourcen
Informationsseite zu den Deportationen (Hintergrund, Listen, Zeugenberichte, Fotos): https://denkort-deportationen.de/spuren
Zur Organisation der ersten Deportation: Die Deportation von Juden aus Franken nach Riga
Anzeige von Namenslisten (Nach einzelnen Deportationen und Überlebenden filterbar): https://denkort-deportationen.de/personenliste/?location=491
Verfolgte des NS-Regimes mit Stolpersteinen in Würzburg: https://stolpersteine-wuerzburg.de/stolpersteine
Bilderserien der 1. Deportation mit Beschreibungen:
- https://atlas.lastseen.org/wuerzburg-1941/2#complete-series
- https://wwv.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/deportations/wurzburg.asp#1
Zeugenberichte von Käthe Friess und Herbert Mai auf der Seite https://denkort-deportationen.de/spuren unter dem Punkt „Das Unsagbare beschreiben“.
Spurensammlung zu Georg Friess: https://spurenimvest.de/2021/07/02/friess-georg
Literatur
Organisator der Judendeportationen in Mainfranken und „König von Würzburg“: Michael Völkl von Herbert Schott, in: Täter Helfer Trittbrettfahrer, Bd. 19: NS-Belastete aus Unterfranken von Wolfgang Proske (Herausgeber).
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