Verfolgung einer Sinti-Familie
Anneliese Winterstein und ihre Söhne Karl-Heinz und Waldemar
Anneliese Winterstein
Vor dem Haus Am Pleidenturm 6 in der Würzburger Altstadt erinnern Stolpersteine an Angehörige der Familie Winterstein, die während der nationalsozialistischen Herrschaft als Sinti verfolgt und nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. Zu ihnen gehörten die junge Mutter Anneliese Winterstein und ihre beiden Söhne Karl-Heinz und Waldemar. Keiner der drei überlebte die nationalsozialistische Verfolgung.
Anneliese Winterstein war erst 20 Jahre alt, als sie im März 1944 gemeinsam mit ihren Kindern und weiteren Familienangehörigen aus Würzburg verschleppt wurde. Ihr älterer Sohn Karl-Heinz war 1940 geboren worden, ihr jüngerer Sohn Waldemar im September 1943. Als die Familie deportiert wurde, war Waldemar gerade einmal sechs Monate alt.
Ihre Geschichte steht beispielhaft für die nationalsozialistische Verfolgung der Würzburger Sinti und Roma, bei der ganze Familien auseinandergerissen und zahlreiche Kinder ermordet wurden.

Die Familie Winterstein in Würzburg
Anneliese Winterstein gehörte zu einer weitverzweigten Würzburger Sinti-Familie, deren Angehörige unter anderem im Wohnviertel um den Pleidenturm und die Korngasse lebten.
Ihr Vater Karl Winterstein war zum Zeitpunkt der Deportation 47 Jahre alt. Bis zu seiner Entlassung aus der Wehrmacht im Jahr 1942 hatte er als Heizer auf dem Flugplatz am Galgenberg gearbeitet. Ihre Mutter hieß Elisabeth Winterstein. Anneliese hatte außerdem eine jüngere Schwester, Eleonore Winterstein, die 1944 erst 18 Jahre alt war.
Auch Eleonore war bereits Mutter. Ihre Tochter Gisela hatte wenige Tage vor der Verhaftung ihren ersten Geburtstag gefeiert.
Die Familie war mit der Würzburger Sängerin und Tänzerin Theresia Winterstein verwandt, die selbst Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurde. Theresias Tochter Rolanda war im April 1943 in der Würzburger Universitäts-Kinderklinik gestorben, wahrscheinlich infolge medizinischer Versuche.
Für Anneliese Winterstein war die Würzburger Altstadt der Lebensmittelpunkt. Hier lebte sie im Kreis ihrer Familie, hier wuchsen ihre beiden kleinen Söhne auf. Doch die nationalsozialistischen Behörden hatten längst begonnen, die Angehörigen der Sinti und Roma systematisch zu erfassen und ihre Deportation vorzubereiten.
Anneliese Winterstein mit Karl-Heinz
März 1944 – die Verhaftung der Familie Winterstein
Im März 1944 führte die Würzburger Kriminalpolizei eine Verhaftungsaktion gegen Sinti-Familien durch. Die Maßnahmen erfolgten im Rahmen der reichsweiten nationalsozialistischen Verfolgung und Deportation von Sinti und Roma.
Polizeibeamte begaben sich auch in das Wohnviertel um den Pleidenturm und die Korngasse. Auf ihrer Liste standen Karl Winterstein, seine Ehefrau Elisabeth sowie die beiden Töchter Eleonore und Anneliese mit ihren kleinen Kindern.
Die Verhafteten wurden zum Würzburger Polizeipräsidium in der Ottostraße gebracht. Dort sammelte die Polizei die Menschen, die anschließend nach Auschwitz deportiert werden sollten.
Für Anneliese Winterstein bedeutete die Verhaftung, dass sie mit ihren beiden kleinen Söhnen ihre vertraute Umgebung verlassen musste. Der vierjährige Karl-Heinz und der erst sechs Monate alte Waldemar waren vollständig auf die Fürsorge ihrer Mutter angewiesen.
Besonders erschütternd war die Situation des jüngeren Kindes: Waldemar befand sich zu diesem Zeitpunkt wegen einer schweren Lungenentzündung in der Würzburger Universitäts-Kinderklinik.
Waldemar wird aus der Kinderklinik geholt
Der kleine Waldemar Winterstein war im September 1943 geboren worden. Im März 1944 litt er an einer Lungenentzündung und musste deshalb in der Würzburger Universitäts-Kinderklinik behandelt werden.
Sein Krankenhausaufenthalt stellte die Organisatoren der Deportation vor ein Problem. Doch anstatt das schwer kranke Kind von der Verschleppung auszunehmen, ordneten die Behörden seine Abholung an.
Eine städtische Fürsorgebeamtin musste Waldemar aus der Klinik holen, damit auch er mit seiner Mutter und den übrigen Familienangehörigen deportiert werden konnte.
Nach dem Krieg wurde die Abholung des Säuglings zum Gegenstand eines Spruchkammerverfahrens gegen den Würzburger Kriminalbeamten Christian Blüm, der als sogenannter „Zigeuner-Referent“ für die Organisation der Deportation verantwortlich gewesen war.
Blüm behauptete, Waldemar sei nach ärztlicher Einschätzung nicht mehr krankenhausbedürftig und deshalb transportfähig gewesen.
Annelieses Schwester Eleonore Winterstein, die Auschwitz überlebt hatte, widersprach dieser Darstellung ausdrücklich. Nach ihrer Aussage musste das Kind „gegen den Willen des Arztes Prof. Dr. Rietschel“, des damaligen Direktors der Kinderklinik, das Krankenhaus verlassen.
Die unterschiedlichen Aussagen zeigen, wie die Verantwortlichen nach Kriegsende versuchten, ihr Handeln zu rechtfertigen, während Überlebende auf die tatsächlichen Umstände der Deportation hinwiesen.
Am 31. August 1948 wurde Christian Blüm während seines Spruchkammerverfahrens gefragt, ob er keine Bedenken gehabt habe, selbst wenige Monate alte Säuglinge auf die Transporte zu schicken.
Blüm erklärte, er habe sich damals schwere Sorgen gemacht, weil er selbst Vater gewesen sei. Dennoch hatte er die Deportationsbefehle ausgeführt.
16. März 1944 – Deportation vom Würzburger Bahnhof
Am 16. März 1944 wurden Anneliese Winterstein, ihre Söhne Karl-Heinz und Waldemar sowie weitere Angehörige der Familie zum Würzburger Bahnhof gebracht.
Polizeifahrzeuge transportierten die Verhafteten vom Polizeipräsidium zum Bahnhof. Dort mussten sie in bereitstehende Personenwaggons einsteigen.
Christian Blüm beschrieb den Ablauf später vor der Spruchkammer:
„Ich hatte viel zu tun, es war ein beschleunigter Zug, welcher um 11.04 oder 11.05 Uhr abging und bis zu diesem Zeitpunkt mussten die Personen verfrachtet sein.“
Er berichtete außerdem, dass er am Bahnhof kontrolliert habe, ob alle Deportierten in den Zug eingestiegen waren.
Die Aussage zeigt, wie die Verschleppung ganzer Familien als Verwaltungs- und Transportaufgabe organisiert wurde. Die Verantwortlichen achteten auf die Einhaltung des Fahrplans, während die betroffenen Menschen in ein Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden.
Die Deportierten durften Kleidung und Verpflegung für die Fahrt mitnehmen. Ihr übriger Besitz musste zurückbleiben und wurde beschlagnahmt.
Die Reise nach Auschwitz dauerte mehrere Tage. Für die Menschen in den Waggons bedeutete sie Enge, Angst und große körperliche Belastungen. Für Säuglinge und kleine Kinder waren diese Bedingungen besonders gefährlich.
Waldemar war noch immer ein schwer krankes Baby. Sein Bruder Karl-Heinz war erst vier Jahre alt. Beide wurden gemeinsam mit ihrer Mutter in ein Lager verschleppt, aus dem sie nicht zurückkehren sollten.
Auschwitz-Birkenau – die Familie im sogenannten „Zigeunerfamilienlager“
Nach ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau wurden die deportierten Würzburger Sinti und Roma in das von der SS als „Zigeunerfamilienlager“ bezeichnete Lager eingewiesen.
Die Bezeichnung geht auf die rassistische Sprache der Nationalsozialisten zurück. In diesem Lagerbereich waren Tausende Sinti und Roma inhaftiert, darunter zahlreiche Familien mit Säuglingen und kleinen Kindern.
Die Neuankömmlinge wurden registriert, ihre Haare wurden geschoren und ihnen wurden Häftlingsnummern eintätowiert.
Die Baracken waren völlig überfüllt. Mehrere Hundert Menschen mussten auf engstem Raum zusammenleben. Es fehlte an Nahrung, sauberem Wasser, medizinischer Versorgung und ausreichenden sanitären Einrichtungen.
Eine Überlebende erinnerte sich später:
„Die Baracken hatten keine Fenster, sondern nur Lüftungsklappen. Der Fußboden war aus Lehm. In einer Baracke, die vielleicht für 200 Menschen Platz gehabt hätte, waren oft 800 und mehr untergebracht.“
Die katastrophalen Lebensbedingungen führten dazu, dass sich Krankheiten und Seuchen rasch ausbreiteten. Besonders Säuglinge und Kleinkinder waren gefährdet.
Für Anneliese Winterstein und ihre beiden Söhne begann in Auschwitz ein Überlebenskampf unter Bedingungen, denen sie nahezu schutzlos ausgeliefert waren.
Auch andere Angehörige der Familie Winterstein befanden sich im Lager. Dazu gehörten Annelieses Schwester Eleonore mit ihrer Tochter Gisela sowie ihre Verwandte Karoline Winterstein mit den Kindern Elisabeth, Sieglinde und Rigo.
Mehrere dieser Kinder starben innerhalb weniger Wochen oder Monate.
24. April 1944 – der Tod des kleinen Waldemar
Am 24. April 1944 starb Waldemar Winterstein in Auschwitz-Birkenau. Er war gerade einmal sechs Monate alt.
Wahrscheinlich starb Waldemar in einer der Krankenbaracken des Lagers. Die genaue Todesursache lässt sich jedoch nicht sicher bestimmen.
Die Zustände in diesen Krankenbaracken waren erschütternd. Der tschechische Häftlingsarzt František Janouch, der im sogenannten „Zigeunerlager“ als Kinderarzt eingesetzt wurde, berichtete nach dem Krieg, dass verzweifelte Mütter ihre schwer kranken Kinder zur Behandlung brachten. Viele dieser Kinder starben innerhalb kürzester Zeit. Nach seinen Erinnerungen starben dort täglich zehn bis fünfzehn Jungen und Mädchen.
Waldemars Tod war kein isoliertes Schicksal. Nur wenige Tage zuvor, am 11. April 1944, war die dreijährige Sieglinde Winterstein gestorben, eine weitere Angehörige der Familie.
Für Anneliese bedeutete der Tod Waldemars den Verlust ihres jüngsten Kindes, das sie noch wenige Wochen zuvor in Würzburg versorgt hatte.
Auch Karl-Heinz Winterstein überlebte Auschwitz nicht
Annelieses älterer Sohn Karl-Heinz Winterstein, geboren 1940, war bei der Deportation etwa vier Jahre alt. Wie sein kleiner Bruder wurde auch er Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Sein genaues Todesdatum und die unmittelbaren Umstände seines Todes sind nicht bekannt.
12. Juni 1944 – der Tod von Anneliese Winterstein
Nachdem Anneliese Winterstein beide Söhne verloren hatte, wurde sie selbst Opfer einer weiteren Form nationalsozialistischer Gewalt.
Die SS bestimmte die 20-Jährige für den Einsatz in einem Lagerbordell. Das bedeutete die drohende Ausbeutung durch erzwungene Prostitution innerhalb des nationalsozialistischen Lagersystems.
Am 12. Juni 1944 lief Anneliese Winterstein zum elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun des Lagers und nahm sich dort das Leben.
Ihre Verwandte Theresia Winterstein berichtete später, was Augenzeugen über Annelieses letzte Stunden erzählt hatten:
„Als sie merkte, dass sie fürs Bordell eingeteilt werden sollte, rannte sie zum Stromzaun.“
Theresia Winterstein gab die überlieferte Entscheidung Annelieses mit den Worten wieder:
„Bevor sie sich von einem Deutschen anfassen ließ, wählte sie lieber den Tod.“
Anneliese Winterstein war erst 20 Jahre alt. Sie hatte innerhalb weniger Monate ihre beiden Kinder verloren und war anschließend von weiterer sexualisierter Gewalt bedroht.
Die Familie Winterstein – zahlreiche Opfer der Verfolgung
Anneliese, Karl-Heinz und Waldemar waren nicht die einzigen Angehörigen der Familie Winterstein, die in Auschwitz starben.
Auch Annelieses Nichte Gisela Winterstein, die Tochter ihrer Schwester Eleonore, überlebte das Lager nicht. Sie starb am 14. Juni 1944 im Alter von 15 Monaten – nur zwei Tage nach Annelieses Tod.
Die Kinder ihrer Verwandten Karoline Winterstein, Elisabeth, Sieglinde und Rigo, wurden ebenfalls Opfer der Lagerhaft.
Die Familie Winterstein steht damit beispielhaft für die Vernichtung ganzer Familienverbände im nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma.
Einige Angehörige überlebten die Verfolgung. Annelieses Schwester Eleonore und ihre Verwandte Karoline kehrten aus den Lagern zurück. Karoline Winterstein war noch im Februar 1945 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück zwangssterilisiert worden.
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