Sammelstelle Platz’scher Garten
DenkOrt Platz’scher Garten
Am Straßenrand des Friedrich-Ebert-Rings in Würzburg erinnert ein Denkmal an den ehemaligen Platz’schen Garten. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde dieser Ort als Sammelstelle für jüdische Menschen genutzt, die aus Würzburg und anderen Orten Unterfrankens deportiert werden sollten.
Der DenkOrt macht auf einen wichtigen Schauplatz der nationalsozialistischen Judenverfolgung aufmerksam. Die Deportationen begannen nicht erst an den Bahnhöfen oder in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Sie wurden mitten in Würzburg vorbereitet und organisiert.
Vom Vergnügungslokal zur Sammelstelle der Gestapo
Der Platz’sche Garten war ursprünglich ein bekanntes Würzburger Vergnügungs- und Gartenlokal an der damaligen Hindenburgstraße, dem heutigen Friedrich-Ebert-Ring. Hier trafen sich Menschen zu geselligen Veranstaltungen und Konzerten. Im Jahr 1942 verwandelte die Gestapo den Ort in eine Sammel- und Abfertigungsstelle für die Deportation jüdischer Menschen.
Bereits seit Herbst 1941 deportierten die Nationalsozialisten Jüdinnen und Juden aus Unterfranken. Der erste Transport wurde im November 1941 in der Würzburger Schrannenhalle vorbereitet, der zweite im März 1942 in Kitzingen. Ab April 1942 nutzte die Gestapo den Platz’schen Garten für drei weitere Deportationen. Insgesamt wurden bei diesen drei Transporten 1.593 Menschen aus Würzburg und Unterfranken verschleppt.
Die Ankunft der Menschen aus ganz Unterfranken
Die Menschen, die im Platz’schen Garten zusammengebracht wurden, stammten nicht nur aus Würzburg. Viele kamen aus jüdischen Gemeinden in ganz Unterfranken. Sie mussten ihre Wohnungen und Häuser verlassen und durften nur begrenztes Gepäck mitnehmen. Häufig hatten sie zuvor bereits ihre Arbeit, ihren Besitz und einen großen Teil ihrer gesellschaftlichen Rechte verloren.
Im Platz’schen Garten mussten sie sich bei den Behörden melden und eine entwürdigende Abfertigung durchlaufen. Die Gestapo kontrollierte ihre Personalien, durchsuchte sie körperlich und überprüfte ihr Gepäck. Die Betroffenen wurden registriert und mussten auf ihre Deportation warten.
Für die Deportation vom 25. April 1942 mussten sich die Menschen bereits ab dem 22. April im Platz’schen Garten einfinden. Die Gestapo hatte das Lokal für diesen Zweck angemietet. Ein handschriftliches Schild bezeichnete den Ort als „Evakuierungsstelle der Geheimen Staatspolizei“. Der Begriff „Evakuierung“ verschleierte den tatsächlichen Charakter der Deportation.
Eingang der Sammelstelle 1942, Gestapo-Aufnahme
25. April 1942 – die Deportation von 852 Menschen
Eine der größten Deportationen aus Unterfranken fand am 25. April 1942 statt. An diesem Tag wurden 852 jüdische Männer, Frauen und Kinder verschleppt, die zuvor im Platz’schen Garten zusammengebracht worden waren.
Die Menschen mussten unter Bewachung und mit ihrem Gepäck zum Bahnhof gehen. Der Deportationszug verließ Würzburg am Nachmittag. Sein Ziel war Kraśniczyn im deutsch besetzten Polen, von wo aus die Verschleppten in die Verfolgungs- und Vernichtungsmaßnahmen im Raum Lublin gerieten.
Besonders bedrückend ist, dass diese Vorgänge mitten in der Stadt und am helllichten Tag stattfanden. Die Deportierten mussten durch Straßen gehen, auf denen sich auch der gewöhnliche Alltag der Würzburger Bevölkerung abspielte.
Weg der Erinnerung
Für viele der Deportierten führte der letzte Weg durch Würzburg vom Platz’schen Garten zum Güterbahnhof Aumühle. Die Menschen mussten die Strecke unter Bewachung zu Fuß zurücklegen, bevor sie in die bereitstehenden Züge steigen mussten.
Der Deportationszug auf einer Gestapo-Aufnahme
Heute erinnert der sogenannte „Weg der Erinnerung“ an diese Deportationsstrecke. Er beginnt am Denkmal am Friedrich-Ebert-Ring und führt über die Martin-Luther-Straße, vorbei am Hauptfriedhof und weiter in Richtung Berliner Ring bis zum ehemaligen Aumühl-Ladehof.
Entlang der Strecke befinden sich Informationsstelen mit historischen Fotografien und Erläuterungen. In den Gehweg eingelassene Betonschwellen tragen die Aufschrift „Wir wollen erinnern“. Sie machen den Weg sichtbar, den die Deportierten damals unter Zwang zurücklegen mussten.
Der Erinnerungsweg ermöglicht es, die nationalsozialistische Verfolgung anhand konkreter Orte nachzuvollziehen. Er verbindet die ehemalige Sammelstelle mit dem Bahnhof, an dem die Deportationszüge abfuhren.
Das Deportationsdenkmal
Ein Denkmal am ehemaligen Platz’schen Garten greift die Geschichte des Ortes mit mehreren symbolischen Elementen auf.
Eine schwarze, zerbrochene Säule steht für das gewaltsame Zerbrechen menschlicher Lebenswege. Gleichzeitig erinnert sie an die beiden hohen Säulen, die einst den Eingang zum Platz’schen Garten markierten.
Drei zurückgelassene Schuhe verweisen auf die Menschen, die diesen Ort verlassen mussten und nicht zurückkehrten. Bänder an einer kleinen Mauer nennen Deportationsziele. Eine Informationsstele zeigt eine historische Aufnahme der Sammelstelle und erklärt die Bedeutung des Ortes.
Die Deportationen aus Unterfranken 1941 bis 1944
Zwischen November 1941 und Dezember 1944 wurden jüdische Menschen aus Würzburg und zahlreichen weiteren Gemeinden Unterfrankens in mehreren Transporten deportiert. Zu den Zielen gehörten Riga, die Region Lublin im besetzten Polen, Theresienstadt und Auschwitz. Die meisten Verschleppten wurden ermordet oder starben an den unmenschlichen Lebensbedingungen in den Ghettos und Lagern. Nur wenige überlebten die nationalsozialistische Verfolgung.
Die Deportationen waren das Ergebnis einer systematischen Zusammenarbeit verschiedener Behörden. Die Gestapo organisierte die Transporte, während weitere staatliche und kommunale Stellen an der Erfassung der Menschen, der Beschlagnahmung ihres Eigentums und der praktischen Durchführung beteiligt waren. Auch die Deutsche Reichsbahn stellte die Züge für die Verschleppungen bereit.
Der Platz’sche Garten war dabei einer der zentralen Orte der Deportationsorganisation in Würzburg. Die hier zusammengebrachten Menschen hatten zuvor in Städten und Dörfern Unterfrankens gelebt, waren Mitglieder jüdischer Gemeinden, gingen Berufen nach und hatten Familien gegründet. Mit ihrer Deportation wurde jüdisches Leben in zahlreichen Orten der Region nahezu vollständig ausgelöscht.
Junge Menschen unter den Deportierten
Unter den Menschen, die von der Sammelstelle im Platz’schen Garten deportiert wurden, befanden sich auch zahlreiche Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.
Die Lebensgeschichten von Wolf Hirnheimer, Renate Müller und Mordechai (Max) Ansbacher geben diesen jungen Menschen ein Gesicht und machen deutlich, welche individuellen Schicksale sich hinter den Deportationszahlen verbergen.
Wolf Hirnheimer (1937–1944)
Wolf Hirnheimer wurde am 12. November 1937 geboren und lebte mit seiner Familie in der Würzburger Annastraße 26. Im September 1942 wurde er im Alter von nur vier Jahren gemeinsam mit seinen Eltern und seinen beiden jüngeren Geschwistern Rachel Mirjam und Moses Menachim nach Theresienstadt deportiert. Am 12. Oktober 1944 wurde die Familie weiter nach Auschwitz verschleppt, wo Wolf im Alter von nur sechs Jahren und auch seine Geschwister ermordet wurden. An die Familie erinnern heute Stolpersteine vor ihrem ehemaligen Wohnhaus.
Renate Müller (1930–1944)
Renate Müller wurde 1930 geboren und lebte mit ihrer Mutter, der Ärztin Dr. Claire Müller, im Inneren Graben 45 in Würzburg. Am 23. September 1942 wurden Mutter und Tochter nach Theresienstadt deportiert. Renate war damals erst zwölf Jahre alt.
Mehr als zwei Jahre mussten sie unter den Bedingungen des Ghettos leben, bevor sie am 6. Oktober 1944 nach Auschwitz verschleppt und dort vermutlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Renate war zu diesem Zeitpunkt erst 14 Jahre alt. Zwei Stolpersteine im Inneren Graben erinnern an ihr Schicksal.
Mordechai (Max) Ansbacher (1927–2021)
Max Ansbacher wurde am 11. Januar 1927 geboren und wuchs in Würzburg auf. Als jüdischer Jugendlicher musste er bei der Organisation der Deportationen helfen. Im April 1942 wurde er dabei fotografiert, wie er am Platz’schen Garten Gepäck transportierte.

Am 23. September 1942 wurde der damals 15-Jährige selbst gemeinsam mit seiner Mutter nach Theresienstadt deportiert. Später kam er nach Auschwitz und in das Konzentrationslager Dachau, wo er die Befreiung 1945 erlebte. Seine Mutter und sein Bruder wurden ermordet.
Nach dem Krieg wanderte er nach Israel aus, nannte sich Mordechai und arbeitete später als Historiker in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. 1961 sagte er als Zeuge im Prozess gegen Adolf Eichmann aus. Er starb 2021 in Jerusalem.
Dr. Sally Mayer – ein Arzt, der bis zu seiner Deportation anderen half
Dr. Sally Mayer war ein jüdischer Arzt, der sich während der nationalsozialistischen Verfolgung für die medizinische Versorgung seiner Mitmenschen einsetzte. Als jüdische Ärztinnen und Ärzte zunehmend aus dem öffentlichen Gesundheitswesen ausgeschlossen wurden, wurde seine Arbeit für die jüdische Bevölkerung besonders wichtig. Auch an der Deportationssammelstelle im Platz’schen Garten in Würzburg kümmerte er sich noch um kranke und hilfsbedürftige Menschen, obwohl er selbst zu den Verfolgten gehörte.
Das Bild zeigt Dr. Sally Mayer bei der Behandlung in der Sammelstelle Platz’scher Garten.
Dr. Sally Mayer
Dr. Sally Mayer wurde am 7. Juni 1889 in Mayen geboren und studierte Medizin in Würzburg. Im Ersten Weltkrieg diente er als Militärarzt und wurde mehrfach ausgezeichnet. Anschließend arbeitete er als praktischer Arzt und Badearzt in Bad Kissingen. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er zunehmend ausgegrenzt. 1938 verlor er seine ärztliche Zulassung und wurde nach den Novemberpogromen für mehrere Wochen im Konzentrationslager Dachau inhaftiert.
Ab März 1939 leitete Mayer das jüdische Kranken- und Altersheim in der Dürerstraße 20 in Würzburg. Er wohnte in der benachbarten Konradstraße 7, wo heute ein Stolperstein an ihn erinnert. Als die Deportationen aus Unterfranken begannen, kümmerte er sich um die medizinische Versorgung der Betroffenen. Auch in der Sammelstelle im Platz’schen Garten und am Bahnhof behandelte und betreute er kranke, alte und geschwächte Menschen, die auf ihre Verschleppung warten mussten.
Am 23. September 1942 ließ sich Sally Mayer gemeinsam mit seiner Ehefrau Irma nach Theresienstadt deportieren, um seine verbliebenen Patientinnen und Patienten weiterhin begleiten zu können. Noch kurz zuvor hatte er versucht, die Mitnahme seiner medizinischen Ausrüstung zu erwirken. Obwohl diese beschlagnahmt wurde, arbeitete er auch im Ghetto Theresienstadt weiter als Arzt, unterstützt von seiner Frau als Krankenschwester.
Am 19. Oktober 1944 wurden beide nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.
Weitere Informationen
- DenkOrt Deportationen 1941–1944
- Weg der Erinnerung – fünf historische Stationen
- Informationsseite zu den Deportationen: https://denkort-deportationen.de/spuren
- Gestapo-Bilder von der Deportation 1942
- Namenslisten und Biografien von deportierten jüdischen Bürgern
- Biografien der Verfolgten des NS-Regimes mit Stolpersteinen in Würzburg
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