Erinnerung an die Zerstörung Würzburgs und die Vorgeschichte
Das Palais Thüngen – das „Braune Haus“ von Würzburg
Ein Adelspalais wird zur SA-Zentrale
Das Palais Thüngen gehörte zu den wichtigsten Schauplätzen des frühen Nationalsozialismus in Würzburg. Das ursprünglich repräsentative Adelspalais wurde zur ersten festen Unterkunft der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) und später zu deren Zentrale. Im Volksmund erhielt das Gebäude deshalb den Namen „Braunes Haus“ – in Anlehnung an die braunen Uniformen der SA und die Parteizentralen der NSDAP.
Bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 entwickelte sich das Palais zu einem Treffpunkt und organisatorischen Zentrum der SA. Von hier aus wurden politische Aktionen vorbereitet und die Präsenz der Nationalsozialisten im öffentlichen Raum organisiert. Die SA spielte eine entscheidende Rolle bei der Einschüchterung politischer Gegner und der gewaltsamen Durchsetzung nationalsozialistischer Machtansprüche.
Die Sturmabteilung (SA) – der gewalttätige Arm der NSDAP
Die Sturmabteilung, kurz SA, war eine paramilitärische Organisation der NSDAP, deren Mitglieder wegen ihrer Uniformen auch als „Braunhemden“ bezeichnet wurden. Sie entstand in den frühen 1920er-Jahren und hatte die Aufgabe, politische Gegner einzuschüchtern, nationalsozialistische Veranstaltungen abzusichern und die Machtansprüche der NSDAP mit Gewalt durchzusetzen.
SA-Angehörige griffen insbesondere Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafter und jüdische Menschen an. Mit Schlägereien, Überfällen und öffentlichen Aufmärschen verbreiteten sie Angst und Terror. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 beteiligte sich die SA maßgeblich an der Verfolgung und Misshandlung politischer Gegner und richtete vielerorts provisorische Haft- und Folterstätten ein. Auch in Würzburg spielte sie eine zentrale Rolle bei der gewaltsamen Durchsetzung der nationalsozialistischen Herrschaft.
Ein Ort der Gewalt und Einschüchterung
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 gewann das Palais Thüngen weiter an Bedeutung. Das Gebäude wurde zu einem lokalen Machtzentrum, von dem aus die SA ihre Gegner bedrohte und verfolgte. Dabei blieb es nicht bei öffentlichen Aufmärschen oder verbalen Drohungen.
Im März 1933 überfielen Nationalsozialisten das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus in Würzburg. Angestellte wurden verschleppt und in das Palais Thüngen gebracht, wo sie misshandelt wurden. Das Gebäude war damit nicht nur eine organisatorische Zentrale, sondern auch ein Ort unmittelbarer politischer Gewalt. Die Übergriffe verdeutlichen, wie die Nationalsozialisten bereits in den ersten Wochen ihrer Herrschaft versuchten, demokratische Organisationen und ihre Vertreter durch Terror auszuschalten.
Angriffe auf Bischof Matthias Ehrenfried
Eine besondere Bedeutung erhielt das Palais durch seine Lage direkt gegenüber dem Bischöflichen Palais. Dort residierte der Würzburger Bischof Matthias Ehrenfried, der sich wiederholt kritisch gegenüber dem Nationalsozialismus äußerte und deshalb zur Zielscheibe nationalsozialistischer Anfeindungen wurde.
Die unmittelbare Nachbarschaft der beiden Gebäude führte zu einer besonderen Konfliktsituation. Vom Palais Thüngen aus organisierten SA-Angehörige wiederholt Provokationen, Beschimpfungen und Angriffe gegen den Bischof. Die Nationalsozialisten versuchten, Ehrenfried öffentlich einzuschüchtern und seine Autorität zu untergraben.
Damit wurde der Bereich zwischen dem Palais Thüngen und dem Bischöflichen Palais zu einem sichtbaren Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen dem nationalsozialistischen Machtapparat und einem seiner kirchlichen Kritiker. Die räumliche Nähe machte es der SA möglich, ihre Drohungen unmittelbar vor dem Amtssitz des Bischofs zu inszenieren.
Was vom „Braunen Haus“ geblieben ist
Das Hauptgebäude des Palais Thüngen wurde während des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt und später abgerissen. Damit verschwand auch der Ort, an dem die Würzburger SA ihre frühe Machtzentrale eingerichtet hatte und politische Gegner misshandelt worden waren.
Erhalten blieb lediglich das historische Torhaus, das 1796 nach Plänen des Architekten Andreas Gärtner errichtet worden war. Es wurde 1962 wiederhergestellt und erinnert heute als letzter baulicher Überrest an das ehemalige Palais.
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