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Die Brüder Franz und Karl Winterstein

Franz und Karl Winterstein

In der Würzburger Altstadt erinnern Stolpersteine in der Glockengasse 1 und vor dem Haus Am Pleidenturm 6 an die Brüder Franz und Karl Winterstein. Beide gehörten einer Sinti-Familie an, die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs eng mit Würzburg verbunden war.

Franz Winterstein starb am 9. Juli 1942 unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen. Nach der Überlieferung seiner Angehörigen wurde er bei einem Fluchtversuch aus der Haft erschossen. Karl Winterstein wurde am 16. März 1944 gemeinsam mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er am 23. April 1944 starb.

Die beiden Stolpersteine erinnern an unterschiedliche Lebenswege, aber auch an die gemeinsame Geschichte einer Familie, die durch die nationalsozialistische Rassenpolitik verfolgt und auseinandergerissen wurde.

Das Bild zeigt das Portrait von Franz Winterstein

Franz Winterstein

Die Familie Winterstein – von der Pfalz nach Würzburg

Die Mutter der beiden Brüder, Johanna Winterstein (1874–1950), war Weißnäherin und Schirmflickerin. Ihre Familie hatte ihre Wurzeln in Eußerthal in der bayerischen Pfalz, hielt sich jedoch auch an anderen Orten auf. Johanna Winterstein hatte vier Kinder. Ihr ältester Sohn Karl wurde 1896 in Muggensturm bei Rastatt geboren. Es folgten Johann, geboren 1898, Frieda, geboren 1906, und schließlich Franz, der 1909 in Eußerthal zur Welt kam. Im November 1918 meldete sich Johanna Winterstein mit ihren vier Kindern in Würzburg an. Die Familie bezog eine Wohnung in der Korngasse 10, in unmittelbarer Nähe des Pleidenturms.

Die Familienmitglieder gingen unterschiedlichen handwerklichen Tätigkeiten nach. Johanna arbeitete als Weißnäherin und reparierte Schirme. Ihre Söhne erlernten das Korbmacherhandwerk, das sowohl die Herstellung als auch den Verkauf von Korbwaren umfasste. Während Karl nach dem Ersten Weltkrieg dauerhaft in Würzburg blieb, führten seine Brüder Franz und Johann ein stärker von Reisen bestimmtes Leben. Johann Winterstein zog gemeinsam mit seiner Frau Josefine umher und verkaufte Korbwaren. Auch Franz hielt sich, ebenso wie seine Mutter, nur zeitweise in Würzburg auf. Ein früher Schicksalsschlag traf die Familie im Jahr 1919. Die erst 13-jährige Frieda Winterstein verunglückte tödlich, als sie auf der Würzburger Löwenbrücke Kunststücke vorführen wollte.

Karl Winterstein – ein neues Leben am Pleidenturm

Karl Winterstein, der älteste der Brüder, hatte im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient und war erst im Dezember 1918 aus dem Militärdienst entlassen worden. Anschließend zog er zu seiner Mutter in die Würzburger Korngasse. Anders als seine Brüder Franz und Johann entschied er sich, dauerhaft in Würzburg zu leben. 1922 heiratete er Elisabeth Hilbert, genannt Elise, die 1903 geboren worden war. Ihr Vater arbeitete als Scherenschleifer und Schirmmacher. Das Ehepaar gründete einen eigenen Hausstand im Gebäude Am Pleidenturm 6, wo auch Angehörige der Familie Hilbert lebten. 1924 kam die erste Tochter Anneliese zur Welt, 1925 folgte die zweite Tochter Eleonore.

Karl Winterstein arbeitete später als Heizer auf dem Flugplatz am Würzburger Galgenberg. Seine Beschäftigung bot der Familie eine wirtschaftliche Grundlage. Das Haus am Pleidenturm wurde zum Mittelpunkt eines weitverzweigten Familienverbands, zu dem auch Angehörige der Familien Hilbert und Heumann gehörten.

Franz Winterstein – Korbmacher zwischen verschiedenen Wohnorten

Franz Winterstein, der jüngste Bruder, wurde 1909 in Eußerthal geboren. Er erlernte wie seine Brüder das Korbmacherhandwerk und bestritt damit seinen Lebensunterhalt. Seine Tätigkeit führte ihn an verschiedene Orte. Anders als Karl, der mit seiner Familie dauerhaft in Würzburg wohnte, hielt sich Franz nur zeitweise in der Stadt auf. Die Korbmacherei war ein wichtiger Erwerbszweig der Familie Winterstein. Die selbstständige Herstellung und der Verkauf von Körben ermöglichten es den Familienmitgliedern, ihren Lebensunterhalt auch unterwegs zu verdienen.

Franz blieb dennoch eng mit Würzburg verbunden. Hier lebten seine Mutter, sein Bruder Karl und weitere Angehörige. Später gründete auch er eine Familie. Seine Ehefrau hieß Lina Winterstein. Anfang 1942 lebte das Ehepaar mit seinen Kindern in der Würzburger Glockengasse 1.

1941 – Franz Winterstein wird zur Wehrmacht eingezogen

Das Schicksal von Franz Winterstein zeigt besonders deutlich, wie die nationalsozialistische Rassenpolitik selbst in den militärischen Alltag eingriff. Obwohl die Würzburger Kriminalpolizei bereits eine Anfrage über seine sogenannte „rassische Einordnung“ an die Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerwesens gerichtet hatte, lag zunächst keine Antwort vor. Im Februar 1941 wurde Franz Winterstein deshalb zur Musterung herangezogen. Die Militärbehörden stuften ihn als „kriegsverwendungsfähig“ ein. Franz wurde zum aktiven Wehrdienst eingezogen und diente 1941 bei der Artillerie-Ersatz-Abteilung 114 in Eger.

Damit war er zunächst regulärer Soldat der Wehrmacht. Seine militärische Verwendungsfähigkeit war festgestellt worden, und er leistete Dienst in einer militärischen Einheit. Doch während Franz Winterstein bereits Soldat war, bemühten sich die Polizeibehörden weiterhin darum, seine Herkunft nach den rassistischen Kategorien des NS-Regimes überprüfen zu lassen.

Die rassistische Einstufung und die Entlassung aus der Wehrmacht

Im März 1941 schickte die Würzburger Kriminalpolizei eine erneute Anfrage nach Berlin. Nun lag eine Antwort der Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerwesens vor. Unter Berufung auf die sogenannte „Rassenhygienische Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes“ wurde Franz Winterstein als „Zigeuner trotz geringem deutschblütigem Einschlage“ eingestuft. Diese Formulierung entstammte der rassistischen Terminologie der Nationalsozialisten. Sie beruhte auf pseudowissenschaftlichen Vorstellungen von Abstammung und diente dazu, Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Zugehörigkeit zur Minderheit der Sinti und Roma zu diskriminieren.

Die Berliner Behörde verwies zugleich auf eine interne Richtlinie, nach der „aus rassepolitischen Gründen Neueinstellungen von Zigeunern oder Zigeuner-Mischlingen in den aktiven Wehrdienst unzulässig und etwa noch im aktiven Wehrdienst stehende unverzüglich zu entlassen sind“. Die Konsequenz war eindeutig: Franz Winterstein musste die Wehrmacht verlassen. Seine Entlassung erfolgte kurze Zeit später.

Karl Winterstein verliert 1942 seine Arbeitsstelle

Auch Karls berufliche Existenz wurde durch die nationalsozialistische Rassenpolitik zerstört. Im August 1942 teilte die Gestapo in Fürth den Würzburger Behörden mit, Karl Winterstein sei aus „abwehrpolizeilichen Gründen für die Verwendung in Dienststellen der Wehrmacht und in geschützten Betrieben ungeeignet“. Auch bei ihm beruhte diese Entscheidung auf einer Einstufung durch die sogenannte „Rassenhygienische Forschungsstelle“. Karl Winterstein war als „Zigeunermischling“ kategorisiert worden. Die Würzburger Gestapo erklärte, er stehe „in sozialrechtlicher Stellung den Juden gleich“.

Die Folge war seine umgehende Entlassung aus der Beschäftigung als Heizer auf dem Flugplatz am Galgenberg.

Franz Winterstein und seine Familie in der Glockengasse 1

Im Jahr 1942 lebte Franz Winterstein mit seiner Ehefrau Lina und ihren Kindern in der Glockengasse 1 in Würzburg. Das Ehepaar hatte zunächst drei kleine Kinder. Im Januar 1942 wurde das vierte Kind geboren. Damit bestand die Familie aus sechs Personen: Franz, Lina und ihren vier Kindern. Nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht konnte Franz nicht zu einem unbeschwerten Berufsleben zurückkehren. Er musste Zwangsarbeit als Erdarbeiter leisten.

Der gelernte Korbmacher, der zuvor selbstständig gearbeitet und anschließend als Soldat gedient hatte, war nun zur körperlich schweren Arbeit verpflichtet. Seine Lebensumstände waren zunehmend von staatlichem Zwang und polizeilicher Kontrolle geprägt. Die Glockengasse 1 war der letzte bekannte Wohnort von Franz Winterstein und seiner Familie.

9. Juli 1942 – der ungeklärte Tod von Franz Winterstein

Am 9. Juli 1942 starb Franz Winterstein. Er war erst ungefähr 33 Jahre alt. In seiner Gestapoakte findet sich eine kurze Mitteilung des Polizeipräsidiums über das „Ableben des Zigeuners“. Die Formulierung zeigt die entmenschlichende Sprache der nationalsozialistischen Behörden. Der Tod eines jungen Familienvaters wurde in der Akte mit wenigen Worten festgehalten.

Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute nicht abschließend geklärt. Nach der Überlieferung seiner überlebenden Angehörigen war Franz Winterstein zuvor verhaftet und inhaftiert worden. Seine Mutter Johanna soll ihn im Gefängnis besucht haben. Bei diesem Besuch habe Franz ihr mitgeteilt, dass er fliehen wolle. Offenbar versuchte seine Mutter, ihn von diesem Vorhaben abzubringen, konnte ihn jedoch nicht davon überzeugen. Nach der Überzeugung der Angehörigen wurde Franz Winterstein bei einem anschließenden Fluchtversuch erschossen.

Das unbekannte Schicksal von Lina Winterstein und ihren vier Kindern

Franz Winterstein hinterließ seine Ehefrau Lina und vier kleine Kinder. Das jüngste Kind war erst im Januar 1942 geboren worden und damit zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters nur wenige Monate alt. Über das weitere Schicksal von Lina Winterstein und den vier Kindern liegen bislang keine gesicherten Informationen vor. Es ist nicht bekannt, wo sie nach Franz Wintersteins Tod lebten, ob sie später ebenfalls von Deportationen betroffen waren oder ob sie die nationalsozialistische Herrschaft überlebten.

Karl Winterstein wird zur Sterilisation gedrängt

Nach dem Tod seines Bruders Franz verschärfte sich die Verfolgung von Karl Winterstein weiter. Nachdem er 1942 seine Arbeitsstelle verloren hatte, wurde er wie zahlreiche andere Angehörige seiner Familie unter Druck gesetzt, sich sterilisieren zu lassen. Die nationalsozialistischen Behörden stellten ihm in Aussicht, dass er durch diesen Eingriff einer Deportation in das sogenannte „Zigeunerlager“ von Auschwitz entgehen könne. Karl Winterstein ließ die Sterilisation unter diesem Druck vornehmen. Doch die in Aussicht gestellte Verschonung erwies sich als wertlos. Trotz des Eingriffs wurde Karl im März 1944 gemeinsam mit seiner Familie deportiert.

Die erzwungene Sterilisation war ein schwerer Eingriff in seine körperliche Selbstbestimmung. Zugleich zeigt die anschließende Deportation, dass die Betroffenen den Zusicherungen der nationalsozialistischen Behörden nicht vertrauen konnten.

16. März 1944 – Deportation der Familie Winterstein nach Auschwitz

Am 16. März 1944 wurden Karl Winterstein, seine Ehefrau Elisabeth, ihre Töchter Anneliese und Eleonore sowie die drei Enkelkinder Karl-Heinz, Waldemar und Gisela aus Würzburg nach Auschwitz deportiert. Die Verhafteten wurden zunächst zum Polizeipräsidium in der Ottostraße gebracht. Von dort transportierte die Polizei sie zum Würzburger Bahnhof, wo ein Zug für die Deportation bereitstand. Der Transport erreichte Auschwitz-Birkenau am 23. März 1944.

23. April 1944 – Karl Winterstein stirbt in Auschwitz

Nach der Ankunft wurden Karl Winterstein und seine Angehörigen in das sogenannte „Zigeunerfamilienlager“ von Auschwitz-Birkenau eingewiesen. Dort herrschten katastrophale Lebensbedingungen. Die Baracken waren überfüllt, Nahrung und medizinische Versorgung waren unzureichend, und zahlreiche Menschen starben an Krankheiten, Hunger und den Folgen der Lagerhaft.

Am 23. April 1944 starb Karl Winterstein in Auschwitz-Birkenau. Er war 47 Jahre alt und hatte das Lager nur einen Monat überlebt. Die unmittelbare Todesursache ist anhand der vorliegenden Angaben nicht bekannt.

Nur einen Tag später, am 24. April 1944, starb sein sechs Monate alter Enkel Waldemar. Auch Karls Ehefrau Elisabeth, seine Tochter Anneliese und die Enkelkinder Karl-Heinz und Gisela überlebten die nationalsozialistische Verfolgung nicht.

Anneliese Winterstein verlor beide Söhne in Auschwitz. Nachdem die SS sie für den Einsatz in einem Lagerbordell bestimmt hatte, nahm sie sich am 12. Juni 1944 am elektrisch geladenen Lagerzaun das Leben. Ihre Schwester Eleonore verlor ihre Tochter Gisela, die am 14. Juni 1944 im Alter von 15 Monaten starb. Von den sieben gemeinsam deportierten Angehörigen der unmittelbaren Familie Karl Wintersteins überlebte nur Eleonore.


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