Residenzplatz im Nationalsozialismus – Würzburgs Bühne der Macht
Ein barocker Platz wird zur politischen Bühne
Zwischen 1933 und 1945 war der Residenzplatz einer der wichtigsten öffentlichen Schauplätze der NS-Herrschaft in Würzburg. Die Nationalsozialisten nutzten ihn als Bühne für Aufmärsche, Massenveranstaltungen, militärische Zeremonien und politische Propaganda.
Hier sollten Menschen nicht nur Reden hören oder Veranstaltungen besuchen. Sie sollten die Macht des nationalsozialistischen Regimes erleben. Uniformierte Formationen, Fahnen, Musik, Fackeln und sorgfältig geplante Abläufe verwandelten den historischen Platz in einen Ort politischer Inszenierung.

März 1933 – die Nationalsozialisten demonstrieren ihre Macht
Bereits wenige Tage nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 wurde der Residenzplatz zum Schauplatz nationalsozialistischer Gewalt und Einschüchterung. Obwohl die NSDAP in Würzburg mit 31,46 Prozent deutlich weniger Stimmen erhalten hatte als im Reichsdurchschnitt, gingen ihre Anhänger nun offen gegen politische Gegner vor.
Am 10. März 1933 besetzten SA- und SS-Formationen die Gebäude der sozialdemokratischen und der katholisch geprägten Presse. Auch das Gewerkschaftshaus wurde angegriffen. Beschlagnahmte Zeitungen, Flugblätter und sozialistisches Propagandamaterial wurden am Abend auf dem Residenzplatz verbrannt.
Die öffentliche Verbrennung war eine Machtdemonstration. Die Nationalsozialisten zeigten, dass sie politische Gegner nicht mehr als gleichberechtigte Teilnehmer einer demokratischen Auseinandersetzung betrachteten. Ihre Schriften sollten aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Nur wenige Wochen später wurde der Würzburger Oberbürgermeister Hans Löffler zum Rücktritt gezwungen.
10. Mai 1933 – Bücher brennen vor der Residenz
Zwei Monate später wurde der Platz erneut zum Schauplatz einer öffentlichen Verbrennung. Am 10. Mai 1933 beteiligte sich Würzburg an den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen, die gleichzeitig in zahlreichen deutschen Universitätsstädten stattfanden.
Auf dem Residenzplatz wurden mindestens 280 beschlagnahmte Bücher verbrannt. An der Veranstaltung beteiligten sich unter anderem Studenten und SA-Angehörige. Ein Fackelzug durch die Stadt gehörte zur Inszenierung.
Die Bücherverbrennung richtete sich gegen Literatur, die von den Nationalsozialisten als politisch oder kulturell unerwünscht eingestuft wurde. Besonders betroffen waren Werke jüdischer, sozialistischer, pazifistischer und regimekritischer Autorinnen und Autoren. Mit der Vernichtung der Bücher sollte symbolisch auch die Vielfalt von Meinungen und Weltanschauungen beseitigt werden.
Gerade der Residenzplatz verlieh diesem Vorgang eine besondere Wirkung: Vor der prachtvollen Kulisse eines historischen Herrschaftsgebäudes inszenierten die Nationalsozialisten ihren Anspruch, künftig auch über Kultur, Wissenschaft und Bildung zu bestimmen.
Aufmärsche, Fahnen und militärische Rituale
In den folgenden Jahren wurde der Residenzplatz regelmäßig für Veranstaltungen nationalsozialistischer Organisationen genutzt. Dazu gehörten Feiern zum 1. Mai, dem von den Nationalsozialisten propagandistisch umgedeuteten „Tag der nationalen Arbeit“, ebenso wie Truppenvereidigungen, Fahnenübergaben und Veranstaltungen zum sogenannten Heldengedenktag.
Bei solchen Veranstaltungen sollten militärische Disziplin, Gehorsam und die vermeintliche Geschlossenheit der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ demonstriert werden. Die Teilnehmer standen in geordneten Formationen, während Reden, Fahnenzeremonien und Musik die politische Botschaft verstärkten. Die Inszenierungen vermittelten das Bild einer geeinten Bevölkerung, obwohl das Regime politische Gegner verfolgte und große Teile der Gesellschaft systematisch ausgrenzte.
Sturmabteilung im Südflügel
Der Platz war auch räumlich mit der NSDAP verbunden. An der Ecke Theaterstraße/Residenzplatz befand sich das Gauhaus Mainfranken mit der Gaufilmstelle und der Gaubildstelle.
Im Südflügel der Residenz hatte die Sturmabteilung (SA) ab Juni 1936 ihren Hauptsitz. Der Residenzplatz war somit nicht nur eine Kulisse für Propaganda, sondern lag unmittelbar neben wichtigen Einrichtungen des nationalsozialistischen Machtapparats.
27. Juni 1937 – Hitler spricht auf dem Residenzplatz
Einer der aufwendigsten Propagandaauftritte fand am 27. Juni 1937 statt. An diesem Tag feierte der NSDAP-Gau Mainfranken sein zehnjähriges Bestehen. Adolf Hitler kam nach Würzburg, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Es war sein letzter Besuch in der Stadt.
Hitler fuhr in einem offenen Mercedes durch Würzburg und hielt anschließend auf dem Residenzplatz eine Rede. Die Fahrt durch die Stadt und der Auftritt vor der Residenz waren als öffentliche Machtdemonstration angelegt. Der nationalsozialistische Führerkult sollte auch in Würzburg sichtbar werden: Die Person Hitlers wurde in den Mittelpunkt gestellt, während die repräsentative Architektur und die versammelten Menschen der Veranstaltung einen feierlichen Rahmen verliehen.
Historische Fotografien dokumentieren diesen Auftritt. Sie zeigen, wie der Platz für die politische Selbstdarstellung des Regimes genutzt wurde. Die Bilder sollten nicht nur ein Ereignis festhalten, sondern zugleich das gewünschte Bild von Macht, Zustimmung und Geschlossenheit vermitteln.
1939 – die Rückkehr der Spanienkämpfer
1939 wurde der Residenzplatz erneut zum Schauplatz einer militärisch-politischen Inszenierung. Die Nationalsozialisten veranstalteten hier einen feierlichen Empfang für zurückkehrende deutsche Soldaten, die am Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite des faschistischen Generals Francisco Franco teilgenommen hatten.
Mit dem Empfang auf dem Residenzplatz wurden die zurückkehrenden Soldaten öffentlich geehrt. Die Veranstaltung fügte sich in die zunehmende Militarisierung der deutschen Gesellschaft ein. Wenige Monate später, am 1. September 1939, begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.
Warum gerade der Residenzplatz?
Dass die Nationalsozialisten ausgerechnet den Residenzplatz für ihre großen Inszenierungen auswählten, hatte mehrere Gründe. Zunächst bot die weitläufige Freifläche genügend Raum für große Menschenmengen, uniformierte Formationen und militärische Aufmärsche. Gleichzeitig lag der Platz zentral und war aus verschiedenen Richtungen gut erreichbar.
Entscheidend war aber vor allem seine symbolische Wirkung. Die Würzburger Residenz war jahrhundertelang ein Ort fürstbischöflicher Herrschaft gewesen. Ihre monumentale Architektur stand für Repräsentation, Autorität und Macht. Indem die Nationalsozialisten hier ihre Veranstaltungen abhielten, konnten sie diese historische Bedeutung für ihre eigene Selbstdarstellung nutzen.
Die Residenz bildete eine eindrucksvolle Kulisse für Reden, Fahnen und militärische Zeremonien. Der historische Herrschaftsort wurde so zur Bühne einer neuen Diktatur. Dass sich in unmittelbarer Nähe auch Einrichtungen der NSDAP und der SA befanden, verstärkte diese Verbindung.
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