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Adler-Apotheke – Verbotener Treffpunkt

Oft, wenn der junge Leiter der DPSG-Pfadfinder Fred Joseph eine Nachtschicht in der Apotheke hat, kommen die anderen Mitglieder der Pfadfindergruppe zu ihm, um zusammenzusitzen und die ganze Nacht zu diskutieren.

Fred Joseph absolvierte nach seinem Abitur ein Praktikum und anschließend eine Assistentenzeit in der Adler-Apotheke in Würzburg. Die Apotheke wurde damals von dem jüdischen Apotheker Max Mandelbaum geführt.

Zur Zeit Fred Josephs befand sich die Adler-Apotheke in der Dominikanergasse 16 in der Würzburger Altstadt. Das damalige Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut; das Grundstück ging später in einen Kaufhausneubau ein. Die Adler-Apotheke eröffnete nach dem Krieg auf der gegenüberliegenden Straßenseite neu.

Fred Joseph

Fred Joseph wurde am 18. Oktober 1911 in Luzern geboren und kam als Kind mit seiner Familie nach Würzburg. Er wuchs katholisch geprägt auf; sein Vater war jüdischen Glaubens. Aufgrund der nationalsozialistischen „Nürnberger Rassegesetze“ wurde Joseph später als sogenannter „Mischling“ eingestuft und diskriminiert.

Fred arbeitete nach seinem Abitur in der Adler-Apotheke des jüdischen Apothekers Max Mandelbaum. Sie befand sich damals in der Dominikanergasse 16 in Würzburg. 1933 begann Fred Joseph in Würzburg Naturwissenschaften zu studieren.

Pfadfinder unter Druck

In Würzburg fand Joseph bei der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) eine neue Gemeinschaft. Er trat dem Stamm „Eyseneck“ bei, wurde Leiter der Gruppe „Falke“ und übernahm schließlich die Leitung der Würzburger Georgspfadfinder. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft gerieten die katholischen Pfadfinder zunehmend unter Druck. Ihre Treffen wurden überwacht, das Tragen der Pfadfinderkluft verboten und ihre Aktivitäten eingeschränkt.

Trotzdem setzte Joseph die Pfadfinderarbeit fort. Die Gruppe traf sich unter anderem im Scheidturm, verbreitete verbotene christliche Schriften und hielt Kontakt zu anderen Pfadfindern.

Schreite in die schwarze nacht
und tauche in ihr unter.
erkenn die not – spür deine kraft.
steh fest im sturm! trotz seiner macht!
 
Tagebucheintrag von Fred Joseph
 

Verhör und Verfolgung

1936 wurde Joseph erstmals von der Gestapo verhört. Nach einer heimlichen Kranzniederlegung an Allerheiligen wurden die Pfadfinder von Mitgliedern der Hitlerjugend angegriffen. Joseph wurde später mehrere Wochen inhaftiert und 1937 verurteilt. Da er in Würzburg keine Arbeit mehr fand, zog er nach Pforzheim. Dort setzte er seine verbotene Pfadfinderarbeit fort, gründete eine neue Gruppe und verschickte Rundbriefe an andere Pfadfinder.

“Im Uebrigen geht die Arbeit hier weiter. … In Zukunft werde ich Dir die für hier ausgearbeiteten Rundbriefe zuschicken. Das muss halt jetzt Handschriftlich sein. Wenn ich eine Schreibmaschine habe, kommt ein Vervielfältigungsapparat und dann – na, das sind schon Zukunftsträume … Wahrscheinlich werde ich, bis all dies in Erfüllung geht, lang wieder einmal im Kittchen sitzen …

Auszug eines Briefes vom 12.09.1940 an seinen Freund Fritz Erhard, der später zusammen mit anderen Briefen von der Gestapo als Grund für eine einjährige Haftstrafe und die Deportation nach Auschwitz verwendet wurden.

Unterstützung der Familie von Anne Frank

Fred Josephs Vater Alfred Joseph war jüdischen Glaubens und wurde nach den Novemberpogromen 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Nach seiner Freilassung floh er 1939 in die Niederlande nach Rotterdam. Dort lernte er die Eltern von Anne Frank kennen und engagierte sich unter anderem bei der Lebensmittelverteilung für verfolgte Jüdinnen und Juden. Auch Fred Joseph unterstützte die Familie Frank, indem er Geld an eine verdeckte Adresse schickte.

„ … jetzt bist Du jung, jetzt ist die Kampfzeit, jetzt müssen wir unsere Kraft einsetzten …“

Worte von Fred Joseph, geschrieben am 14. Februar 1941 an seinen Freund Fritz Erhard, in einen Brief, welcher von der Gestapo gefunden wurde.

Haft

1941 wurde Joseph erneut festgenommen und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Fünf Schritte lang, drei Schritte breit
das ist der Raum, der mir verblieb.
Er ist gefüllt mit Herzeleid
– so fern sind alle, die mir lieb

Ich tappe wie der Bär im Zoo
drei Schritte breit, fünf Schritte lang;
und weiß doch: draußen irgendwo
ist menschenlachen, glockenklang

Fünf Schritte lang, drei Schritte breit,
die Wände sind so fest und dicht.
Wenn auch die Seel Erbarmung schreit:
Gott ist so fern – er hört mich nicht

Tagebucheintrag von Fred Joseph 1941

Deportation und Ermordung

Kurz nach seiner Freilassung nahm ihn die Gestapo am 13. November 1942 wieder fest und deportierte ihn nach Auschwitz.

Der von den Nationalsozialisten genannte Grund war: „Weiterführung einer verbotenen Organisation und Bildung von Elitetruppen der Jugend in der Kirche gegen den Staat.“. Er wird beschuldigt “Mitglied einer internationalen Pfadfinder-Untergrundbewegung zu sein.”

Ein Mitglied seiner Pfadfindergruppe schreibt später an die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem:

[…] Wenn er sich religiös und politisch völlig abstinent verhalten hätte, dann hätte er wie sein Bruder wohl überleben können, denn andererseits wäre er als Nichtjude trotz seines religiösen Engagements nicht so hart angefasst worden, keiner seiner Mitstreiter wurde ermordet. Der wirkliche Grund seine Ermordung war eben seine jüdische Herkunft […]

Am 21. Januar 1943 wurde Fred im Alter von nur 31 Jahren in der Maschinerie der Massentötung des Holocaust in Auschwitz ermordet. Die angebliche Todesursache von Fred, die von den Nationalsozialisten genannt wurde, war eine „Rippenfellentzüdung‘.

Heute erinnern in Würzburg unter anderem ein Stolperstein, der Fred-Joseph-Platz vor der Würzburger Jugendherberge und vor dem Jugendkulturhaus Cairo und ein nach ihm benannter DPSG-Stamm an Fred Joseph und sein Schicksal.

Der Apotheker Max Mandelbaum

Der jüdische Apotheker Max Mandelbaum übernahm 1919 die Adler-Apotheke in der Dominikanergasse 16 in Würzburg.

Ab 1933 wurde Mandelbaum zunehmend durch die antisemitische Politik des NS-Regimes verfolgt. 1936 musste er zunächst Teile seines Geschäfts und schließlich die gesamte Adler-Apotheke aufgeben.

Besonders einschneidend war das Jahr 1938. Während der Novemberpogrome wurde Mandelbaum am 9. November festgenommen und in das KZ Buchenwald gebracht. Erst am 6. Dezember 1938 kam er wieder frei, nachdem er ein Ausreisevisum vorlegen konnte.

Auch seine 1928 errichtete Villa in der heutigen Rottendorfer Straße 26 verlor die Familie unter dem Druck der NS-Verfolgung; das Gebäude gelangte anschließend an den Würzburger Gauleiter Otto Hellmuth.

Mandelbaum gelang die Flucht: 1939 emigrierte er zunächst nach Großbritannien und 1940 weiter in die USA. Dort nahm er später den Namen Max Manders an und blieb auch nach Kriegsende in Amerika.

Seine Würzburger Villa wurde ihm 1951 im Rahmen der Wiedergutmachung zurückerstattet; später verkaufte er sie. Bemerkenswert ist, dass das Gebäude unmittelbar nach 1945 zeitweise als Unterkunft für jüdische Displaced Persons und als erster Betraum der wiederentstehenden jüdischen Gemeinde Würzburgs diente.

Max Mandelbaum starb am 28. Februar 1984 in Vineland, New Jersey.

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