Homosexueller Künstler aus Würzburg
Ernst Lebermann – Todesopfer des Novemberpogroms 1938
Ernst Lebermann
Ernst Elias Lebermann wurde am 15. Mai 1875 in Würzburg geboren. Er lebte zuletzt in der Scheffelstraße 5 in der Sanderau. Während des Novemberpogroms am 10. November 1938 drangen Nationalsozialisten gewaltsam in seine Wohnung ein, zerrten ihn im Nachthemd auf die Straße und misshandelten ihn schwer. Einen Tag später, am 11. November 1938, starb Ernst Lebermann im Israelitischen Krankenhaus an den Folgen der erlittenen Gewalt.
Sein Schicksal zeigt besonders eindringlich, dass sich der Novemberpogrom nicht nur gegen Synagogen, Geschäfte und Wohnungen richtete. Jüdische Menschen wurden öffentlich gedemütigt, geschlagen, verschleppt und getötet. Die Scheffelstraße 5 ist damit ein konkreter Schauplatz der antisemitischen Gewalt in Würzburg.
Ein Leben in Würzburg
Ernst Lebermann wuchs in Würzburg auf. Er besuchte die Volksschule und anschließend sechs Klassen der Realschule, bevor er eine kaufmännische Ausbildung absolvierte. 1896/97 leistete er als Einjährig-Freiwilliger seinen Wehrdienst beim 9. Infanterie-Regiment „Wrede“ in Würzburg und wurde offenbar zum Unteroffizier befördert.
1902 machte sich Lebermann selbstständig und gründete die Weingroßhandlung Ernst Lebermann. Das Unternehmen führte er fast drei Jahrzehnte lang. Aufgrund eines schweren beidseitigen Ischiasleidens hatte er seine Weingroßhandlung bereits 1931 aufgegeben.
1905 heiratete er Lilli Ullmann. Ein Jahr später wurde die gemeinsame Tochter Edith geboren.
Soldat und politisch engagierter Bürger
Während des Ersten Weltkriegs war Ernst Lebermann als Militärbeamter in Würzburg tätig. Er wurde zum Feldwebel befördert und mit dem König-Ludwig-Kreuz ausgezeichnet. In den politischen Unruhen des Jahres 1919 gehörte er der Würzburger Einwohnerwehr an.
In der Weimarer Republik engagierte sich Lebermann in der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei, ohne dort eine führende Funktion zu übernehmen. Außerdem war er Mitglied des Jüdischen Kulturbundes.
Seine Biografie steht damit auch für einen jüdischen Würzburger, dessen Leben eng mit der Stadt und der deutschen Gesellschaft verbunden war – als Schüler, Kaufmann, Soldat und politisch interessierter Bürger.
Der Morgen des 10. November 1938
In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 wurden Mitglieder der NSDAP-Ortsgruppe Würzburg-Sanderau zusammengerufen, um sich an den Pogromaktionen zu beteiligen. Eines ihrer Ziele war die Wohnung Ernst Lebermanns im Hintergebäude der Scheffelstraße 5.
Die Täter brachen die Wohnung gewaltsam auf. Lebermanns etwa gleichaltrige Haushälterin wurde als „Judenschickse“ beschimpft und bedroht. Sie musste auf den Dachboden fliehen.
Ernst Lebermann lag zu diesem Zeitpunkt noch im Bett. Die Täter zerrten den 63-Jährigen im Nachthemd aus seiner Wohnung und warfen ihn vor dem Haus auf eine Treppe. Dort traten und schlugen sie ihm gegen Kopf und Oberkörper. Anschließend musste er über sein Nachthemd hastig eine Jacke und einen Mantel ziehen.
Damit war die Misshandlung noch nicht beendet. Gemeinsam mit anderen jüdischen Pogromopfern wurde Lebermann gezwungen, vor seinen Peinigern in Richtung Innenstadt zu laufen.
Das Foto aus dem Polizeigefängnis
Zwischen 9 und 10 Uhr wurde Ernst Lebermann in das Würzburger Polizeigefängnis eingeliefert. Wie andere Gefangene wurde er dort fotografiert und ärztlich untersucht.
Das bei seiner Einlieferung entstandene Foto gehört zu den besonders erschütternden Bildzeugnissen des Würzburger Novemberpogroms. Unter seinem Mantel trägt Lebermann noch immer das Nachthemd, in dem er aus seiner Wohnung gezerrt worden war. Es ist mit Blut bespritzt.

Trotz der vorausgegangenen schweren Misshandlungen kam die polizeiamtsärztliche Untersuchung zu dem Ergebnis, Lebermann sei lagerfähig und seinem Alter entsprechend arbeitsfähig. Sein tatsächlicher Zustand verschlechterte sich jedoch rapide.
Tod im Israelitischen Krankenhaus
Noch am 10. November musste Ernst Lebermann in das Israelitische Krankenhaus gebracht werden. Dort starb er am folgenden Tag, dem 11. November 1938, an den Folgen der Misshandlungen.
Damit wurde Ernst Lebermann zu einem der Todesopfer des Novemberpogroms in Würzburg. Sein Tod macht sichtbar, welche konkrete körperliche Gewalt sich hinter Begriffen wie „Pogrom“ oder „Ausschreitungen“ verbirgt: Ein 63-jähriger Mann wurde in seinem eigenen Zuhause überfallen, auf die Straße gezerrt, zusammengeschlagen und anschließend durch die Stadt getrieben. Weniger als zwei Tage später war er tot.
Wirtschaftliche Ausplünderung
Die nationalsozialistische Verfolgung Ernst Lebermanns beschränkte sich nicht auf die körperliche Gewalt. Noch am 11. November 1938 – dem Tag seines Todes – wurde auf sein Vermögen eine Forderung nach sogenannter „Reichsfluchtsteuer“ erhoben. Sie belief sich auf etwa 26 Prozent seines Gesamtvermögens.
Dieser Vorgang verdeutlicht eine weitere Dimension der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Neben Entrechtung, öffentlicher Demütigung und körperlicher Gewalt stand die systematische wirtschaftliche Ausplünderung jüdischer Menschen.
Ein Stolperstein in der Scheffelstraße 5 macht die Geschichte des Novemberpogroms in Würzburg an einem konkreten Ort greifbar. Hier lebte Ernst Lebermann, und hier begann am Morgen des 10. November 1938 die Gewalt, die wenig später zu seinem Tod führte.
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