Homosexueller Künstler aus Würzburg
Das Novemberpogrom in Würzburg
Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung
Vier Tote sowie zahlreiche Verletzte und Misshandelte – dies ist allein die Zahl der unmittelbaren Opfer, die der Novemberpogrom in Würzburg forderte. In ganz Deutschland geht man von etwa 1.500 jüdischen Todesopfern im Zusammenhang mit den Pogromen vom November 1938 aus. Die Gewalt der Nationalsozialisten richtete sich gezielt gegen die jüdische Bevölkerung.
In Würzburg begannen die reichsweit organisierten Ausschreitungen mit einer nächtlichen Sitzung, bei der Xaver Knaup, NSDAP-Kreisleiter von Würzburg-Stadt, den Ortsgruppenleitern den Befehl erteilte, alle verfügbaren Kräfte für die bevorstehende Aktion zu mobilisieren. Zu den Tätern gehörten Angehörige von SA und SS sowie NSDAP-Mitglieder, aber auch weitere Teile der Bevölkerung beteiligten sich an den Ausschreitungen.
Die Folge waren weitreichende Zerstörungen jüdischer Geschäfte, Kaufhäuser und Wohnungen. Auch die Hauptsynagoge in der Domerschulstraße wurde zum Schauplatz der nationalsozialistischen Gewalt. In Heidingsfeld wurde die dortige Synagoge in Brand gesetzt. Die Ereignisse der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 markierten eine weitere Eskalation der nationalsozialistischen Verfolgung der jüdischen Bevölkerung.
Die Hauptsynagoge in der Domerschulstraße
Die Hauptsynagoge in der Domerschulstraße war über Jahrzehnte eines der wichtigsten Zentren jüdischen Lebens in Würzburg. Sie war nicht nur ein Gotteshaus, sondern Mittelpunkt einer Gemeinde, die seit Jahrhunderten zur Geschichte der Stadt gehörte. In unmittelbarer Umgebung befanden sich weitere jüdische Einrichtungen.
Während des Novemberpogroms wurde gerade dieser Ort gezielt angegriffen. Die Zerstörung einer Synagoge bedeutete weit mehr als die Beschädigung eines Gebäudes: Angegriffen wurden Religion, Gemeinschaft und kulturelle Identität der jüdischen Würzburgerinnen und Würzburger.
Das Gebäude in der Domerschulstraße wurde während des Pogroms nicht vollständig niedergebrannt. Das war jedoch keineswegs Ausdruck von Zurückhaltung. Die Lage in der dicht bebauten Innenstadt machte einen Brand gefährlich für die umliegenden Häuser. Stattdessen verwüsteten die Täter das Innere der Synagoge systematisch.
Der Pogrom wird organisiert
Die Ausschreitungen waren keine spontane Reaktion einer aufgebrachten Bevölkerung. Nach dem Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris nutzte die nationalsozialistische Führung dessen Tod am 9. November 1938 als Anlass für eine reichsweit organisierte Eskalation der antisemitischen Gewalt. Kurz nach Mitternacht zum 10. November gingen detaillierte Befehle an NSDAP-Gliederungen und Parteidienststellen.
Auch in Würzburg wurde die Gewalt organisiert. In den frühen Morgenstunden des 10. November mobilisierte die NSDAP-Ortsgruppe Süd nahezu 1.000 Parteimitglieder. Sie versammelten sich auf dem Kickerplatz in der Randersackerer Straße und zogen anschließend in die Sanderau. Dort drangen die Täter in jüdische Wohnungen ein, zerstörten deren Einrichtung und misshandelten Bewohner.
Die Dimension dieser Mobilisierung macht deutlich, dass es sich nicht lediglich um einzelne Übergriffe handelte. Die Gewalt wurde von nationalsozialistischen Funktionären angeordnet, organisiert und koordiniert.
Der Angriff auf die Hauptsynagoge
Die Hauptsynagoge in der Domerschulstraße wurde zu einem zentralen Schauplatz des Pogroms in Würzburg. Kurz nach Mitternacht setzte sich von der Residenz aus ein Zug aus SA- und SS-Männern sowie einzelnen NSDAP-Mitgliedern in Bewegung. Ihm folgte eine immer größer werdende Menschenmenge.
Auf ihrem Weg wurden jüdische Geschäfte und Kaufhäuser unter anderem in der Semmelstraße, der Eichhornstraße, der Schönbornstraße und der Domstraße zerstört. Anschließend verschafften sich die Täter Zugang zur Hauptsynagoge in der Domerschulstraße.
Dort schlugen sie die Inneneinrichtung kurz und klein. Auch vor den religiösen Gegenständen machten sie nicht halt. Ritualgegenstände wurden in den Hof gebracht und verbrannt. Das Gotteshaus selbst wurde wegen der unmittelbar angrenzenden dichten Bebauung nicht angezündet.
Gewalt gegen jüdische Würzburgerinnen und Würzburger
Die Gewalt beschränkte sich nicht auf Gebäude und Gegenstände. Jüdische Menschen wurden aus ihren Wohnungen geholt, festgenommen, geschlagen und misshandelt. Besonders drastisch zeigt dies das Schicksal des 63-jährigen Weinhändlers Ernst Lebermann.
Lebermann wurde in der Scheffelstraße 5 von Nationalsozialisten so schwer verletzt, dass er am folgenden Tag im Jüdischen Krankenhaus starb. Sein Tod zeigt, dass der Begriff „Sachbeschädigung“ die Ereignisse des Novemberpogroms völlig unzureichend beschreibt. Es handelte sich um massive, gezielt gegen jüdische Menschen gerichtete Gewalt.
Auch zahlreiche jüdische Männer wurden festgenommen. Im gesamten Unterfranken wurden mehrere Hundert Männer in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt. Dort wurden sie gedemütigt und misshandelt; mindestens fünf unterfränkische Juden starben während dieser Haft. Die Verhaftungen dienten zugleich dazu, den Druck auf jüdische Familien zur Aufgabe ihrer Geschäfte und zur Emigration weiter zu erhöhen.
Ein trauriges Beispiel aus Würzburg, ist das gut dokumentierte Schicksal des Ludwig Regensteiner aus Würzburg.
Die Synagoge in Heidingsfeld
Nicht nur die Hauptsynagoge in der Domerschulstraße wurde angegriffen. Auch die Synagoge in Heidingsfeld war Ziel der Pogromgewalt. Anders als bei der dicht umbauten Hauptsynagoge konnte hier Feuer gelegt werden.
Der Bericht des Stadtarchivs überliefert die Erinnerung eines jüdischen Augenzeugen, der die Zerstörung der Synagoge unmittelbar miterlebte. Er beschrieb, wie die Synagoge „an Höhe alle umliegenden Gebäude weit überragte“ und „einer riesenhaften Fackel in der Hand eines Riesen“ glich, als sie am 10. November gegen 2.30 Uhr morgens in Brand gesetzt wurde. Noch am Abend schlugen die Flammen hoch über die Dächer der umliegenden Häuser.
Die Angriffe auf die Synagogen hatten eine besondere symbolische Bedeutung. Die Täter zerstörten bewusst die religiösen und gesellschaftlichen Zentren der jüdischen Gemeinden. Gleichzeitig verwüsteten sie Wohnungen und Geschäfte und griffen deren Bewohner an. Auf diese Weise sollte jüdisches Leben aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden.
Nicht nur SA und SS
Die Novemberpogrome werden häufig vor allem mit SA und SS verbunden. Tatsächlich waren nationalsozialistische Organisationen für Planung und Durchführung der Gewalt von zentraler Bedeutung. Die Ereignisse spielten sich jedoch öffentlich und unter Beteiligung beziehungsweise vor den Augen zahlreicher weiterer Menschen ab.
Das zeitgenössische Material zeigt zugleich, dass die Pogromaktionen keineswegs überall auf uneingeschränkte Zustimmung stießen. Berichte unterfränkischer Bezirksämter lassen erkennen, dass Teile der Bevölkerung insbesondere die Zerstörung von Sachwerten ablehnten. Seltener wurde auch die Brutalität gegenüber Menschen und Gotteshäusern kritisiert. Diese Reaktionen dürfen jedoch nicht mit einer grundsätzlichen Ablehnung des Antisemitismus oder des NS-Regimes gleichgesetzt werden.
Nach dem Pogrom: Verfolgung statt Rückkehr zur Normalität
Der Novemberpogrom war kein abgeschlossener Gewaltausbruch. Unmittelbar danach verschärfte das NS-Regime die systematische Entrechtung und wirtschaftliche Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung weiter.
Am 12. November 1938 wurde den deutschen Juden eine sogenannte „Kontribution“ von einer Milliarde Reichsmark auferlegt. Für die bei den Pogromen entstandenen Schäden mussten die jüdischen Eigentümer selbst aufkommen; Versicherungsleistungen wurden zugunsten des Reiches eingezogen. Zum 1. Januar 1939 wurde jüdischen Menschen zudem das Führen von Gewerbe- und Handwerksbetrieben verboten. Synagogen und jüdische Schulgebäude wurden vielerorts weit unter ihrem tatsächlichen Wert von Städten und Gemeinden erworben.
Damit bildete der Novemberpogrom eine entscheidende Zäsur: Die bereits seit 1933 betriebene Ausgrenzung und Entrechtung ging in immer offenere Gewalt, wirtschaftliche Vernichtung und schließlich in Deportation und systematischen Massenmord über.
Die Domerschulstraße als Erinnerungsort
Heute erinnert der Ort der ehemaligen Hauptsynagoge in der Domerschulstraße an das zerstörte jüdische Leben Würzburgs und an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Hier gibt es eine Gedenktafel in der Domerschulstraße und ein verstecktes Mahnmal in Form eines Davidsterns auf dem Platz der ehemaligen Synagoge, dass man von der Kettengasse aus sehen kann.

Ernst Lebermann – Opfer des Novemberpogroms in Würzburg
Ernst Elias Lebermann wurde am 15. Mai 1875 in Würzburg geboren. Er lebte zuletzt in der Scheffelstraße 5 in der Sanderau. Während des Novemberpogroms am 10. November 1938 drangen Nationalsozialisten gewaltsam in seine Wohnung ein, zerrten ihn im Nachthemd auf die Straße und misshandelten ihn schwer. Einen Tag später, am 11. November 1938, starb Ernst Lebermann im Israelitischen Krankenhaus an den Folgen der erlittenen Gewalt.
Sein Schicksal zeigt besonders eindringlich, dass sich der Novemberpogrom nicht nur gegen Synagogen, Geschäfte und Wohnungen richtete. Jüdische Menschen wurden öffentlich gedemütigt, geschlagen, verschleppt und getötet. Die Scheffelstraße 5 ist damit ein konkreter Schauplatz der antisemitischen Gewalt in Würzburg.
Ein Leben in Würzburg
Ernst Lebermann wuchs in Würzburg auf. Er besuchte die Volksschule und anschließend sechs Klassen der Realschule, bevor er eine kaufmännische Ausbildung absolvierte. 1896/97 leistete er als Einjährig-Freiwilliger seinen Wehrdienst beim 9. Infanterie-Regiment „Wrede“ in Würzburg und wurde offenbar zum Unteroffizier befördert.
1902 machte sich Lebermann selbstständig und gründete die Weingroßhandlung Ernst Lebermann. Das Unternehmen führte er fast drei Jahrzehnte lang. Aufgrund eines schweren beidseitigen Ischiasleidens hatte er seine Weingroßhandlung bereits 1931 aufgegeben.
1905 heiratete er Lilli Ullmann. Ein Jahr später wurde die gemeinsame Tochter Edith geboren.
Soldat und politisch engagierter Bürger
Während des Ersten Weltkriegs war Ernst Lebermann als Militärbeamter in Würzburg tätig. Er wurde zum Feldwebel befördert und mit dem König-Ludwig-Kreuz ausgezeichnet. In den politischen Unruhen des Jahres 1919 gehörte er der Würzburger Einwohnerwehr an.
In der Weimarer Republik engagierte sich Lebermann in der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei, ohne dort eine führende Funktion zu übernehmen. Außerdem war er Mitglied des Jüdischen Kulturbundes.
Seine Biografie steht damit auch für einen jüdischen Würzburger, dessen Leben eng mit der Stadt und der deutschen Gesellschaft verbunden war – als Schüler, Kaufmann, Soldat und politisch interessierter Bürger.
Der Morgen des 10. November 1938
In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 wurden Mitglieder der NSDAP-Ortsgruppe Würzburg-Sanderau zusammengerufen, um sich an den Pogromaktionen zu beteiligen. Eines ihrer Ziele war die Wohnung Ernst Lebermanns im Hintergebäude der Scheffelstraße 5.
Die Täter brachen die Wohnung gewaltsam auf. Lebermanns etwa gleichaltrige Haushälterin wurde als „Judenschickse“ beschimpft und bedroht. Sie musste auf den Dachboden fliehen.
Ernst Lebermann lag zu diesem Zeitpunkt noch im Bett. Die Täter zerrten den 63-Jährigen im Nachthemd aus seiner Wohnung und warfen ihn vor dem Haus auf eine Treppe. Dort traten und schlugen sie ihm gegen Kopf und Oberkörper. Anschließend musste er über sein Nachthemd hastig eine Jacke und einen Mantel ziehen.
Damit war die Misshandlung noch nicht beendet. Gemeinsam mit anderen jüdischen Pogromopfern wurde Lebermann gezwungen, vor seinen Peinigern in Richtung Innenstadt zu laufen.
Das Foto aus dem Polizeigefängnis
Zwischen 9 und 10 Uhr wurde Ernst Lebermann in das Würzburger Polizeigefängnis eingeliefert. Wie andere Gefangene wurde er dort fotografiert und ärztlich untersucht.
Das bei seiner Einlieferung entstandene Foto gehört zu den besonders erschütternden Bildzeugnissen des Würzburger Novemberpogroms. Unter seinem Mantel trägt Lebermann noch immer das Nachthemd, in dem er aus seiner Wohnung gezerrt worden war. Es ist mit Blut bespritzt.

Trotz der vorausgegangenen schweren Misshandlungen kam die polizeiamtsärztliche Untersuchung zu dem Ergebnis, Lebermann sei lagerfähig und seinem Alter entsprechend arbeitsfähig. Sein tatsächlicher Zustand verschlechterte sich jedoch rapide.
Tod im Israelitischen Krankenhaus
Noch am 10. November musste Ernst Lebermann in das Israelitische Krankenhaus gebracht werden. Dort starb er am folgenden Tag, dem 11. November 1938, an den Folgen der Misshandlungen.
Damit wurde Ernst Lebermann zu einem der Todesopfer des Novemberpogroms in Würzburg. Sein Tod macht sichtbar, welche konkrete körperliche Gewalt sich hinter Begriffen wie „Pogrom“ oder „Ausschreitungen“ verbirgt: Ein 63-jähriger Mann wurde in seinem eigenen Zuhause überfallen, auf die Straße gezerrt, zusammengeschlagen und anschließend durch die Stadt getrieben. Weniger als zwei Tage später war er tot.
Wirtschaftliche Ausplünderung
Die nationalsozialistische Verfolgung Ernst Lebermanns beschränkte sich nicht auf die körperliche Gewalt. Noch am 11. November 1938 – dem Tag seines Todes – wurde auf sein Vermögen eine Forderung nach sogenannter „Reichsfluchtsteuer“ erhoben. Sie belief sich auf etwa 26 Prozent seines Gesamtvermögens.
Dieser Vorgang verdeutlicht eine weitere Dimension der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Neben Entrechtung, öffentlicher Demütigung und körperlicher Gewalt stand die systematische wirtschaftliche Ausplünderung jüdischer Menschen.
Xaver Knaup – Hauptverantwortlicher für das Novemberpogrom in Würzburg
Franz Xaver Knaup war eine der zentralen politischen Führungsfiguren des Nationalsozialismus in Würzburg. 1936 bis 1943 amtierte er als NSDAP-Kreisleiter von Würzburg und war zeitgleich SA-Obersturmbannführer sowie Reichstagsabgeordneter. Als politischer Chef der Stadt lenkte er maßgeblich die Durchsetzung der NS-Ideologie vor Ort und trug die Hauptverantwortung für die antisemitischen Ausschreitungen im Herbst 1938.

Anführer der Novemberpogrome in Würzburg
Während der von der NS-Führung orchestrierten Novemberpogrome vom 9. auf den 10. November 1938 liefen bei Knaup als Kreisleiter alle Fäden für die Terroraktionen in Würzburg zusammen.
Nachdem am Abend des 9. November die Parole zur Zerstörung jüdischer Einrichtungen aus München ausgegeben worden war, gab Knaup den direkten Befehl an die örtlichen Gliederungen der SA, SS und der Hitlerjugend weiter, in Würzburg „Aktionen“ durchzuführen.
Unter Knaups politischer Verantwortung drangen Trupps in die Hauptsynagoge in der Domerschulstraße ein. Die Inneneinrichtung und die Fenster wurden komplett zertrümmert, die wertvollen Kultgegenstände geschändet und geplündert. Nur aufgrund der engen Altstadtbebauung wurde das Gebäude in dieser Nacht nicht sofort niedergebrannt, um Großbrände in der Nachbarschaft zu verhindern.
Unter seiner Führung wurden jüdische Geschäfte und Kaufhäuser (u. a. in der Semmelstraße, Eichhornstraße und Domstraße) systematisch demoliert und geplündert. Jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden mitten in der Nacht aus den Betten gerissen, gedemütigt und schwer misshandelt.
Infolge der brutalen Ausschreitungen in dieser Nacht verloren in Würzburg vier Menschen ihr Leben. Zudem wurde die anschließende Massenverhaftung jüdischer Männer und deren Deportation in das Konzentrationslager Buchenwald maßgeblich durch die politische Infrastruktur von Knaups Kreisleitung logistisch unterstützt.
Xaver Knaup war beim Novemberpogrom in Würzburg kein passiver Zuschauer, sondern der politische Initiator und Koordinator. Er nutzte seine uneingeschränkte Macht als Kreisleiter, um den rassistischen Hass der Nationalsozialisten in eine konkrete Welle verheerender Gewalt umzusetzen.
Verhaftung und Ermittlungen nach 1945
Nach dem Kriegsende wurde Knaup von den alliierten Behörden festgenommen und in Arrest genommen, der für hochrangige Funktionäre der NSDAP und der SA vorgesehen war. Es folgten langwierige Untersuchungen zu seiner Rolle im NS-Terrorapparat, insbesondere bezüglich seiner Zeit als Würzburger Kreisleiter.
Im Jahr 1950 musste sich Xaver Knaup vor dem Würzburger Schwurgericht verantworten. Gegenstand des Verfahrens waren seine Taten aus seiner Würzburger Amtszeit, insbesondere seine führende Rolle bei den Ausschreitungen und Gewalttaten der Reichspogromnacht im November 1938.
Im August 1950 wurde Knaup schuldig gesprochen. Das Gericht verurteilte ihn wegen eines Falls von schwerer Freiheitsberaubung (aus dem Jahr 1940) sowie seiner Beteiligung an den Pogromen zu einer nur dreijährigen Haftstrafe.
Knaup musste die Haftstrafe jedoch nicht mehr vollständig verbüßen. Nur wenige Monate nach der Urteilsverkündung verstarb er am 21. November 1950 im Alter von 57 Jahren in Würzburg an einem Herzschlag.
Die ungewöhnliche Rettung der Familie Glanzberg
Norbert Glanzberg, der in Würzburg aufgewachsene jüdische Pianist und Komponist, lebte 1938 bereits im französischen Exil. Seine Eltern Samuel und Malka waren dagegen noch in ihrer Wohnung in der Wolfhartsgasse 6, als während des Novemberpogroms jüdische Wohnungen, Geschäfte und Synagogen in Würzburg angegriffen wurden.
Ausgerechnet ein im selben Haus lebender SA-Mann bewahrte die Familie vor dem Zugriff der Pogromtäter. Als Nationalsozialisten nach den Glanzbergs suchten, behauptete er gegenüber seinen eigenen Parteigenossen, die Familie sei nicht zu Hause.
Die Täuschung gelang. Die Männer zogen weiter. Damit bewahrte der SA-Mann Norbert Glanzbergs Eltern vor dem Zugriff der Pogromtäter und vor der Gewalt und Verwüstung, die zahlreiche andere jüdische Familien in Würzburg an diesem Tag erleiden mussten.
Die Rettung bedeutete jedoch nicht, dass die Glanzbergs in Würzburg weiterhin sicher waren. Das Novemberpogrom hatte deutlich gemacht, wie unmittelbar ihr Leben bedroht war. Kurz darauf verließen Samuel und Malka Glanzberg Deutschland und emigrierten zu ihrer Tochter in die Vereinigten Staaten.
Jahrzehnte später erzählte Norbert Glanzberg bei seinem Besuch in Würzburg von der außergewöhnlichen Rettung seiner Eltern.
Die Geschichte zeigt, dass Menschen auch unter den Bedingungen der NS-Diktatur über Handlungsspielräume verfügten. Selbst ein Mitglied der SA konnte sich in einer konkreten Situation entscheiden, seine jüdischen Nachbarn zu schützen, statt sich an ihrer Verfolgung zu beteiligen.
Gerade diese Entscheidung macht deutlich, dass individuelles Handeln – auch im unmittelbaren nachbarschaftlichen Umfeld – einen entscheidenden Unterschied machen konnte.
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