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Theresia Winterstein und ihre Zwillinge – Opfer nationalsozialistischer Medizinverbrechen

Theresia Winterstein und ihre Zwillinge

Die Geschichte von Theresia Winterstein (1921–2007) und ihren Zwillingstöchtern Rita und Rolanda gehört zu den erschütterndsten Beispielen der nationalsozialistischen Verfolgung der Sinti in Würzburg. Die junge Sängerin und Tänzerin wurde aufgrund ihrer Herkunft rassistisch verfolgt, mit einem Berufsverbot belegt und schließlich zwangssterilisiert. Ihre beiden Töchter wurden bereits als Säuglinge Opfer medizinischer Menschenversuche an der Würzburger Universitätsklinik. Rolanda überlebte die Eingriffe nicht. Ihre Zwillingsschwester Rita konnte von der Mutter gerettet werden und berichtete später als Zeitzeugin über die Verbrechen.

Die Geschichte der Familie Winterstein zeigt, wie tief die nationalsozialistische Verfolgung in das Leben einzelner Familien eingriff. Sie macht zugleich deutlich, dass die rassistische Gewalt nicht nur in Konzentrationslagern stattfand, sondern auch in medizinischen Einrichtungen mitten in Würzburg.

Theresia Winterstein – eine junge Künstlerin in Würzburg

Theresia Winterstein wurde 1921 geboren und wuchs als Angehörige einer Würzburger Sinti-Familie auf. Schon in jungen Jahren entwickelte sie eine Leidenschaft für Musik und Tanz. Als Sängerin und Tänzerin trat sie regelmäßig am Würzburger Stadttheater auf und erfreute sich dort großer Beliebtheit. Ihre künstlerische Tätigkeit machte sie zu einem sichtbaren Teil des kulturellen Lebens der Stadt.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 verschlechterte sich jedoch auch für Theresia Winterstein die Situation grundlegend. Die rassistische Verfolgung der Sinti und Roma nahm immer schärfere Formen an. 1940 wurde ihr schließlich ein Berufsverbot erteilt. Damit verlor sie die Möglichkeit, weiterhin öffentlich als Künstlerin aufzutreten und ihren Lebensunterhalt mit Musik und Tanz zu verdienen.

Die Verfolgung zerstörte damit nicht nur ihre berufliche Existenz, sondern griff zunehmend auch in ihr Privatleben und ihre körperliche Selbstbestimmung ein.

Zwangssterilisation und rassistische Medizin

1941 sollte sich die damals 20-jährige Theresia Winterstein einer Zwangssterilisation unterziehen. Solche Eingriffe gehörten zur nationalsozialistischen Rassenpolitik, mit der die Fortpflanzung von Menschen verhindert werden sollte, die das Regime als angeblich minderwertig betrachtete.

Bei der medizinischen Voruntersuchung stellte sich jedoch heraus, dass Theresia bereits im dritten Monat schwanger war. Sie erwartete Zwillinge. Die Schwangerschaft führte dazu, dass der geplante Eingriff zunächst verschoben wurde.

Nach der Darstellung ihrer Familiengeschichte durfte Theresia ihre Kinder nur deshalb austragen, weil Zwillinge für die nationalsozialistische medizinische Forschung von besonderem Interesse waren. Im Zusammenhang mit dieser Forschung werden auch die Ärzte Josef Mengele und Werner Heyde genannt, die an schwersten nationalsozialistischen Medizinverbrechen beteiligt waren.

Theresias Schwangerschaft schützte sie somit nicht vor der Verfolgung. Stattdessen gerieten nun auch ihre ungeborenen Kinder in das Interesse einer Medizin, die sich in den Dienst der rassistischen Ideologie gestellt hatte.

Die Geburt von Rita und Rolanda Winterstein

Am 3. März 1943 brachte Theresia Winterstein ihre Zwillingstöchter Rita und Rolanda im Würzburger Universitätsklinikum zur Welt.

Zu dieser Zeit waren die Deportationen der Sinti und Roma bereits in vollem Gange. Theresia fürchtete, dass ihre Familie während ihres Krankenhausaufenthalts nach Auschwitz verschleppt werden könnte und sie mit ihren beiden Neugeborenen allein zurückbleiben würde.

Aus dieser Angst heraus verließ sie wenige Tage nach der Geburt mit ihren Kindern das Krankenhaus. Doch die Gestapo spürte sie auf und nahm ihr die beiden Säuglinge weg.

Für Theresia begann damit eine wochenlange Zeit der Ungewissheit. Sie war von ihren neugeborenen Töchtern getrennt und hatte kaum Möglichkeiten, zu erfahren, was mit ihnen geschah.

Medizinische Menschenversuche an den Zwillingen Rita und Rolanda Winterstein

Zu den erschütterndsten Verbrechen, die mit der Verfolgung der Würzburger Sinti verbunden sind, gehören die medizinischen Menschenversuche an den Zwillingsschwestern Rita und Rolanda Winterstein.

Die beiden Mädchen wurden bereits als Säuglinge Opfer pseudowissenschaftlicher Experimente im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Zwillingsforschung. Nach den überlieferten Berichten versuchten die beteiligten Mediziner unter anderem, die Augenfarbe der Kinder durch Eingriffe zu verändern.

Die Experimente hatten verheerende Folgen. Rolanda starb an den erlittenen Verletzungen. Auch Rita wurde schwer geschädigt und litt noch Jahrzehnte später unter den gesundheitlichen Folgen.

Als Theresia die Trennung von ihren Kindern nicht länger ertragen konnte, versuchte sie, die Zwillinge aus dem Krankenhaus zu retten. Schließlich gelang es ihr, eine Krankenschwester dazu zu bewegen, ihr die Kinder zu zeigen.

Was sie dort vorfand, sollte sie ihr Leben lang nicht vergessen: Ihre Tochter Rolanda lag mit einem dicken Verband um den Kopf in einem Bettchen. Das Kind war bereits tot.

Rita hatte die Eingriffe überlebt. Theresia gelang es, ihre schwer verletzte Tochter aus dem Krankenhaus zu holen und damit ihr Leben zu retten.

Theresia Winterstein – eine Mutter kämpft um ihre Kinder

Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht auch das Handeln von Theresia Winterstein. Sie war selbst Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und musste erleben, dass ihre beiden Töchter medizinischen Experimenten ausgesetzt wurden.

Als Angehörige der verfolgten Minderheit verfügte sie über kaum Möglichkeiten, sich gegen staatliche Behörden und medizinische Einrichtungen zur Wehr zu setzen. Dennoch versuchte sie wiederholt, ihre Kinder zu schützen.

Ihre Entscheidung, nach der Geburt mit den Zwillingen aus dem Krankenhaus zu fliehen, war bereits ein Versuch, die Familie vor dem Zugriff der nationalsozialistischen Behörden zu bewahren. Nachdem die Gestapo ihr die Kinder weggenommen hatte, setzte sie alles daran, sie wiederzusehen und zurückzuholen.

Während sie Rolanda nicht mehr retten konnte, gelang es ihr, Rita vor weiteren Eingriffen zu bewahren.

Doch auch Theresia selbst blieb nicht verschont. Nach der Geburt der Zwillinge wurde sie zwangssterilisiert. Damit nahmen ihr die Nationalsozialisten gewaltsam die Möglichkeit, weitere Kinder zu bekommen.

Überleben und Ausgrenzung nach 1945

Theresia Winterstein und ihre Tochter Rita überlebten die nationalsozialistische Herrschaft. Doch mit dem Ende des Krieges verschwanden die gesellschaftlichen Vorurteile gegenüber Sinti und Roma keineswegs.

Nach 1945 lebte die Familie in der Würzburger Zellerau. Rita besuchte die Schule, erlebte jedoch weiterhin Ausgrenzung. Hinzu kamen die gesundheitlichen Folgen der medizinischen Experimente, die ihre Kindheit erheblich beeinträchtigten. Wiederkehrende Ohnmachtsanfälle führten schließlich dazu, dass sie bereits in der vierten Klasse vom Unterricht freigestellt werden musste.

Die Erfahrungen der Familie zeigen, dass die nationalsozialistische Verfolgung auch nach Kriegsende tiefe Spuren hinterließ. Neben dem Verlust Rolandas und den körperlichen Verletzungen mussten die Überlebenden mit gesellschaftlicher Diskriminierung und der lange ausbleibenden Anerkennung ihres Leids leben.

Rita Prigmore – Erinnern und Versöhnung

Rita Winterstein überlebte die nationalsozialistische Herrschaft. Unter ihrem späteren Namen Rita Prigmore wurde sie zu einer international bekannten Zeitzeugin des Völkermords an den Sinti und Roma.

Über viele Jahre berichtete sie bei öffentlichen Veranstaltungen, in Schulen und bei Begegnungen mit Jugendlichen über ihre Familiengeschichte, die medizinischen Experimente und die Ermordung ihrer Zwillingsschwester.

Dabei setzte sie sich für die Anerkennung der Opfer, gegen Rassismus und für ein friedliches Zusammenleben ein. Ihr Engagement war auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil der Völkermord an den Sinti und Roma nach 1945 über Jahrzehnte kaum gesellschaftliche Anerkennung fand.

2013 erhielt Rita Prigmore den Würzburger Friedenspreis. Mit dieser Auszeichnung wurde ihr langjähriger Einsatz für Erinnerung, Verständigung und Versöhnung gewürdigt.

Die Würzburger Universitätsmedizin als Ort nationalsozialistischer Verbrechen

Die Geschichte von Theresia Winterstein und ihren Töchtern verdeutlicht, welche Rolle medizinische Einrichtungen bei der nationalsozialistischen Verfolgung spielten.

Ärzte und Wissenschaftler beteiligten sich an der Umsetzung einer Ideologie, die Menschen nach rassistischen Kriterien bewertete und ihnen grundlegende Rechte absprach. Medizinische Eingriffe, die eigentlich der Heilung und dem Schutz menschlichen Lebens dienen sollten, wurden zu Instrumenten der Gewalt.

Die Verbrechen an Rita und Rolanda Winterstein stehen damit beispielhaft für den Missbrauch medizinischer Autorität im Nationalsozialismus. Sie erinnern daran, dass die Opfer nicht nur in den Konzentrationslagern, sondern auch in Krankenhäusern und Universitätskliniken der Gewalt des Regimes ausgeliefert waren.

Die Theresia-Winterstein-Straße – ein Erinnerungsort in Würzburg

Theresia Winterstein starb 2007. Jahrzehnte nach den Verbrechen wurde ihr in Würzburg eine besondere öffentliche Würdigung zuteil.

Im April 2023 wurde die bisherige Hermann-Zilcher-Straße im Würzburger Frauenland in Theresia-Winterstein-Straße umbenannt. Damit erinnert die Stadt an die Würzburger Sintiza, die als junge Künstlerin am Stadttheater aufgetreten war, die nationalsozialistische Verfolgung überlebt und unter großen persönlichen Gefahren um das Leben ihrer Kinder gekämpft hatte.

Bei der Feier zur Straßenumbenennung berichtete Rita Prigmore vor rund 140 Schülerinnen und Schülern im Würzburger Rathaus über das Schicksal ihrer Familie. Für sie war die Ehrung ihrer Mutter ein besonders bewegender Moment. Sie dankte dafür, dass Theresia Winterstein und ihre Geschichte nicht vergessen werden.

Die Theresia-Winterstein-Straße ist damit nicht nur ein Erinnerungsort für eine einzelne Frau. Sie steht zugleich für die Würzburger Sinti-Familien, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden, und für die lange verdrängten Verbrechen an dieser Minderheit.

Die Geschichte von Theresia, Rita und Rolanda Winterstein macht sichtbar, wie rassistische Verfolgung, medizinische Gewalt und familiärer Verlust miteinander verbunden waren. Zugleich erinnert sie an den Mut einer Mutter, die trotz ihrer eigenen Verfolgung versuchte, ihre Kinder zu retten, und an eine Überlebende, die später ihre Geschichte öffentlich erzählte.

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