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Israelitische Volksschule – Georg und Käte Frieß

Die Israelitische Volksschule Würzburg war eine Schule für jüdische Kinder. Sie bestand von 1856 bis zu ihrer erzwungenen Schließung 1942. Sie befand sich im historischen jüdischen Viertel der Altstadt hinter der damaligen Hauptsynagoge im Bereich Domerschulstraße 21 / Kettengasse 26.

Arbeitsort des Lehrers Georg Frieß

Hier erinnert ein Stolperstein an Georg Frieß, einen ehemaligen Lehrer, der sehr wahrscheinlich freiwillig seine Schüler in das Ghetto von Riga begleite. Er starb im April 1945 im KZ Bergen-Belsen.

Seine Frau Käte überlebte das Grauen als eine von wenigen und hielt ihre traumatischen Erinnerungen später in einem berührenden Manuskript fest.

Biografie des Lehrers Georg Frieß und seiner Frau Käte Frieß

Bild, dass das junge Ehepaar zeigt.

Käte und Georg Frieß 1941; Fotoalbum Serry Adler © Państwowe Muzeum na Majdanku

Georg „Gori“ Frieß und seine Ehefrau Käte Frieß waren ein junges jüdisches Ehepaar aus Würzburg, das durch die erste Deportation aus Würzburg am 27. November 1941 verschleppt wurde. Während Georg die Shoah nicht überlebte, verdankt die Nachwelt Kätes präzisen, im Exil verfassten Aufzeichnungen einen der wichtigsten und bewegentsten Augenzeugenberichte über den Beginn der unterfränkischen Judendeportationen.

Freiwillige Meldung zur Deportation für die Schüler

Als die Jüdische Gemeinde im Herbst 1941 von der Gestapo gezwungen wurde, den ersten großen Transport nach Osten zusammenzustellen, wurde der Lehrer an der jüdischen Volksschule in Würzburg (auch israelitische Volksschule genannt) Georg Frieß gefragt, ob er sich zusammen mit seinen jüdischen Schülern „evakuieren“ lassen würde. Das frisch verheiratete Paar willigte ein, um die Kinder nicht allein zu lassen.

Das Ehepaar musste sich im November 1941 in der provisorischen Sammelstelle in der Würzburger „Schrannenhalle“ (der damaligen Stadthalle) einfinden.

Nach tagelanger Schikane, Gepäckkontrollen und der Enteignung wurden Georg und Käte zusammen mit 202 Würzburger Juden mitten in der Nacht zum Güterbahnhof Aumühle getrieben.

[…] Nachdem wir in einer Halle gewartet haben, bis es nachts drei Uhr wurde, mussten wir antreten, um durch die nächtliche Stadt heimlich zu marschieren. Sicher wäre das für die Würzburger ein zu jämmerlicher Anblick gewesen, deshalb mussten wir wie Verbrecher davonschleichen! Aber diesen Marsch werde ich nie vergessen! Eine Menschenschlange von 200 Personen kroch entsetzlich langsam die Strasse entlang. Stockdunkel war es, zu beiden Seiten marschierte noch und noch SS-Bewachung. Ab und zu blitzte ein Licht auf, um zu kontrollieren, ob auch keiner von uns ausrückt. So sind wir das letzte Mal durch Würzburg gepilgert. Nachts, im Schutze der Dunkelheit trieb man uns heimlich wie die Pest hinaus. Gori, Du schlepptest das ganze Gepäck von Schwabs, weil sie soviel Sachen hatten und Trudi nicht mehr konnte. Jeder von uns trug seinen Rucksack und einen Koffer. Darin war unser Hab und Gut. Und wie reich waren wir damals damit noch! […]

Der Zug führte sie über ein Sammellager in Nürnberg in das Lager Jungfernhof bei Riga (Lettland).

[…] Alles lag so einfach vor uns. Wir würden in Häusern wohnen, nur dass sie eben hinter Stacheldraht waren und man es Ghetto nannte. Du würdest wieder Lehrer werden, Gori, denn dazu hat man dich eigentlich nur gebeten, mit deinen vielen, lieben Schulkindern mitzugehen! Ich würde in einer Fabrik arbeiten, wir würden verdienen und so leidlich auskommen, man würde in Riga die Hitlerzeit abwarten und nachher wieder glücklich nach Hause zurückkehren. Das war doch eigentlich so schrecklich einfach und wir sahen ziemlich siegesbewusst in die Zukunft! O weh, o weh, und wie sah das Leben wirklich aus! Wir dummen, dummen Menschenkinder! Wie grausam hat sich alles gestaltet! Unersetzbar die vielen Menschenleben, unersetzbar die kostbare Zeit, unersetzbar die verwelkten, kranken Körper! […]

Das Ehepaar durchlitt gemeinsam dreieinhalb Jahre in verschiedenen nationalsozialistischen Lagern und Außenstellen in Lettland sowie bei der späteren Räumung in Richtung Westen.

Georgs Tod

Im März 1945 wurden die beiden im Konzentrationslager Stutthof oder auf den Todesmärschen endgültig getrennt. Georg wurde in das KZ Bergen-Belsen verschleppt, wo er im April 1945 – nur wenige Wochen vor der Befreiung – an dem dort grassierenden Flecktyphus verstarb.

Kätes Überleben

Käte Frieß ist 23 Jahre alt, als sie kurz vor Kriegsende mit einem Rettungstransport nach Schweden gelangt. Noch während sie dort im Juni 1945 ihre Erinnerungen niederschrieb, erfuhr sie vom Tod ihres Mannes. Sie wanderte später in die USA aus und verstarb 1997 in Los Angeles.

Quellennachweis

Die verwendeten Zitate stammen von Käthe Frieß und sind entnommen aus: Das Unsagbare beschreiben – Stimmen jüdischer NS-Opfer aus Unterfranken. Ausgewählt, bearb. und hg. von Rotraud Ries, Ingrid Sontag und Elke Wagner, Würzburg 2021, https://www.denkort-deportationen.de/spuren

Literatur

„Schießen Sie mich nieder!“. Käte Frieß´Aufzeichnungen über KZ und Zwangsarbeit von 1941 bis 1945, erschienen in: Christin Sandow (Hrsg.), Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Reihe B, Quellen und Zeugnisse, Band 9, Berlin 2017.
 
Zeugenberichte von Käthe Friess  auf der Seite https://denkort-deportationen.de/spuren unter dem Punkt „Das Unsagbare beschreiben“.

Anzeige von Namenslisten (Nach einzelnen Deportationen und Überlebenden filterbar): https://denkort-deportationen.de/personenliste/?location=491

Verfolgte des NS-Regimes mit Stolpersteinen in Würzburg: https://stolpersteine-wuerzburg.de/stolpersteine

 

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