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Stolpersteine der Familien Zeilberger & Mai

Jüdinnen und Juden in Würzburg 1933-1945

In Würzburg wurden Jüdinnen und Juden ab 1933 systematisch entrechtet, ausgegrenzt, beraubt und schließlich deportiert. Mit Boykotten, Berufsverboten, der „Arisierung“ jüdischen Eigentums, den Novemberpogromen 1938 und den Deportationen ab 1941 zerstörte das NS-Regime das jüdische Leben in der Stadt fast vollständig.

Stolpersteine für Familien

Stolpersteine in der Sterngasse 6 bzw. 12, weisen darauf hin, dass hier in der Altstadt die Familien Zeilberger und Mai gewohnt haben.

Die Biografien der Familien Mai und Zeilberger machen die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung konkret, sie stehen für Familienbiografien, deren Alltag, Heimat und Zukunft durch die nationalsozialistische Verfolgung zerstört wurden. Gemeinsam zeigen sie, wie die Verfolgung nicht abstrakt blieb, sondern einzelne Menschen, Familien und ganze Lebenswege traf.

Stolpersteine in der Sterngasse

Stolpersteine in der Sterngasse

Biografien Familie Zeilberger

Das Bild zeigt Portraits der Familienmitglieder

Justin (Denny J.) Zeilberger und Lilly Zeilberger

Justin Zeilberger war Schneidermeister und mit Lilly Zeilberger verheiratet. Zusammen hatten sie die Kinder Ilse und Fred. Während des Novemberpogroms von 1938 wurde Justin Zeilberger verhaftet und in das KZ Buchenwald gebracht; sein Betrieb, den er mit einem nichtjüdischen Gehilfen führte, wurde im Dezember 1938 zwangsweise geschlossen.

Rechnungsblatt KZ-Buchenwald für Justin Zeilberger

Rechnungsblatt KZ-Buchenwald für Justin Zeilberger

Am 27.11.1941 wurde er mit seiner Familie nach Riga deportiert und kam zunächst in das Lager Jungfernhof, später in das Rigaer Ghetto. Ende September 1944 wurde das Ghetto Riga geräumt, die Bewohner wurden per Schiff nach Danzig und von dort in das KZ Stutthof gebracht. Anfang 1945 wurde vor der vordringenden Roten Armee auch dieses Lager geräumt, die Gefangenen auf einen Todesmarsch nach Westen getrieben. Zwar erlebte Justin Zeilberger mit seinem Sohn Fred noch die Befreiung, doch starb er eine Woche später an Entkräftung.

Ilse Zeilberger

Ilse Zeilberger besuchte in Würzburg die Schule, bis sie im Alter von 14 Jahren am 27.11.1941 zusammen mit ihrer ganzen Familie nach Riga deportiert wurde. Sie blieb dort noch drei Jahre lang mit ihren Eltern und ihrem Bruder im Lager Jungfernhof und im Rigaer Ghetto zusammen. Nach der Auflösung des Rigaer Ghettos wurde die Familie Zeilberger Ende 1944 per Schiff nach Danzig und von dort in das KZ Stutthof gebracht. Dort wurden Männer und Frauen voneinander getrennt, die Frauen – und so auch Ilse Zeilberger – wurden wenig später ermordet.

Fred Zeilberger

Fred Zeilberger, der Sohn von Justin Zeilberger und wurde als 11-Jähriger zusammen mit seinem Freund Herbert Mai im November 1941 nach Riga-Jungfernhof deportiert. Er überlebte als einziger aus seiner Familie. Nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern kehrte er im Frühjahr 1945 als 15-Jähriger für kurze Zeit in das zerstörte Würzburg zurück, bevor er im Alter von 17 Jahren (Januar 1947) in die USA auswanderte. Er verstarb im Dezember 2025 im Alter von 96 Jahren in New York.

Biografien der Familie Mai

Das Bild zeigt Portraits der Familienmitglieder

Nur wenige Hausnummern weiter in der Sterngasse 12, teilt die Familie Mai dieses tragische Schicksal der Vertreibung und Auslöschung.

Ludwig Mai und Milli Mai

Ludwig Mai war Metzgermeister, seine Frau Milli war Hausfrau. Beide wurden am 27.11.1941 nach Riga deportiert. Ludwig Mai überstand 1941/42 eine durch Kälte und Unterernährung hervorgerufene schwere Erkrankung und später eine Rippenfell-entzündung im Lazarett des Rigaer Ghettos, bevor er mit seiner Frau Milli am 23.11.1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Lina Mai 

Line Mai lebte unverheiratet im Haus ihres Bruders Ludwig, der die Metzgerei des Vaters übernommen hatte. Sie war als Haushälterin, Privatiere und Musiklehrerin tätig, bis sie im Mai 1941 in die jüdische Nervenheilstätte Bendorf-Sayn bei Koblenz eingewiesen wurde. Von dort wurde sie im März 1942 in den Raum Lublin (Izbica) deportiert und wohl wenig später ermordet.

Herbert Mai

Herbert Mai war 12 Jahre alt, als er am 27. November 1941 zusammen mit seinem Nachbarn und engen Jugendfreund Fred Zeilberger aus Würzburg nach Riga-Jungfernhof deportiert wurde.

Das Bild zeigt von Herbert und Fred

Die Freunde Herbert und Fred 1936

Herbert gehörte zu den wenigen, die die Deportation und die Lager überlebten. Seine Interviews und Berichte erzählen uns von den Umständen damals.

Das Bild zeigt einen Bericht, der mit Schreibmaschiene geschrieben wurde.

Zeitzeugenbericht von Herbert Mai, geschrieben 1946 in Würzburg

Zusammen mit seinen Eltern Ludwig und Milli Mai sowie rund 200 weiteren jüdischen Bürgerinnen und Bürgern Unterfrankens wurde er an der Würzburger Schrannenhalle gesammelt und über den Güterbahnhof verschleppt. In seinen späteren Aufzeichnungen (1946) beschrieb er die entwürdigende Prozedur der Durchsuchung und Ausraubung drastisch:

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Videobericht über die Deportation von Herbert Mai

Der Transport brachte die Familie in das provisorische Außenlager Gut Jungfernhof bei Riga (Lettland) und später direkt in das abgesperrte Ghetto von Riga.

„Dann kamen wir in Riga an. Auf der Station Skirotava. Auch da war schon die lettische SS, mit Gewehren und Peitschen. Auch war deutsche SS als Oberaufsicht da. Dann gingen wir wie üblich mit Stockhieben aus den Waggons. Neben uns stand ein großer Omnibus und die SS sagte, wer nicht laufen kann, darf mitfahren. Natürlich war der O[mnibus] sofort voll. „Aber schau, schon ein Zweiter.“ Meine Mutter sagte: „Komm wir fahren auch. Er ist jetzt [noch] nicht voll.“ Aber ich sagte: „Nein, wir fahren nicht. Wir sind gesund – und krank mache ich mich nicht.“ Wir fuhren nicht, was auch unser Glück gewesen war, denn sie sind in den Tod gefahren.

Daraufhin marschierten wir mit Schießen und Schlägen in unser zukünftiges Lager. Als wir ankamen, war es kein Lager mit Stacheldraht, sondern es war mit lettischen Wachen umstellt. Wir kamen auf einen großen Platz und dort hieß es, Frauen mit Kindern bis zu 10 Jahren in die Baracke 1a. Ich war schon 12 und musste bei meinem Vater bleiben. Wir gingen in eine Strohscheune, denn unser Lager war ein großer Bauernhof.“*

Unter erbärmlichen Bedingungen und ständiger Todesangst leistete der junge Herbert schwerste Zwangsarbeit.

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Videobericht Herbert Mai im KZ Jungfernhof

Im Jahr 1943 wurde das Ghetto liquidiert. Herbert musste mit ansehen, wie seine Eltern von Riga weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden. Beide wurden dort ermordet. Herbert blieb als Einziger seiner Familie zurück und überlebte die Qualen in Riga sowie in weiteren Arbeits- und Konzentrationslagern.

Nach der Befreiung aus den nationalsozialistischen Lagern im Frühjahr 1945 kehrten die beiden überlebenden Würzburger Jugendlichen, Herbert und Fred, als Waisen in ihre völlig zerstörte Heimatstadt zurück. Zwei Jahre lang versuchten sie, in den Trümmern Fuß zu fassen.

Im Januar 1947, im Alter von 17 Jahren, kehrten sie Deutschland endgültig den Rücken und wanderten gemeinsam in die USA aus. Sie bauten sich in Amerika ein neues Leben auf, blieben jedoch zeitlebens eng befreundet. Im Sommer 2002 kehrten sie im Rahmen eines Dokumentarfilms noch einmal gemeinsam nach Würzburg zurück, um an den Orten ihrer Kindheit gegen das Vergessen Zeugnis abzulegen.

 

*Zitat von Herbert Mai aus: Das Unsagbare beschreiben – Stimmen jüdischer NS-Opfer aus Unterfranken. Ausgewählt, bearb. und hg. von Rotraud Ries, Ingrid Sontag und Elke Wagner, Würzburg 2021, https://www.denkort-deportationen.de/spuren

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