Widerstand einer jugendlichen Tagebuchschreiberin
Hedwig Mathilde Müller – Widerstand im Alltag
Hedwig Mathilde Müller
Wer heute durch die Münzstraße in Würzburg geht, findet im Pflaster einen Stolperstein für Hedwig Mathilde Müller.
Der Stein befindet sich bei der Münzstraße 10½, dem Ort ihres damaligen Geschäfts. Er erinnert an eine Würzburgerin, deren Widerstand nicht in einer politischen Organisation oder einer spektakulären Aktion bestand, sondern im alltäglichen Umgang mit ihren Mitmenschen.
Ein Geschäft in der Münzstraße
Hedwig Mathilde Müller wurde 1890 geboren und lebte in Würzburg. Ihre Wohnung befand sich in der Wölffelstraße 3. In der damaligen Münzgasse, der heutigen Münzstraße, führte sie bei der Hausnummer 10½ ein Reform- und Kräuterhaus. Genau vor diesem ehemaligen Geschäft wurde später ihr Stolperstein verlegt. Damit bezeichnet der Gedenkstein nicht ihren Wohnort, sondern unmittelbar den Schauplatz ihres widerständigen Handelns.

Widerstand im Alltag
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die jüdische Bevölkerung zunehmend aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Geschäfte jüdischer Eigentümer wurden boykottiert, während zugleich Druck darauf ausgeübt wurde, jüdische Kundinnen und Kunden aus nichtjüdischen Geschäften fernzuhalten. Die Ausgrenzung sollte damit immer stärker auch den gewöhnlichen Alltag bestimmen.
Hedwig Müller widersetzte sich dieser Entwicklung in ihrem eigenen Geschäft. Trotz des Drucks des NS-Regimes ließ sie jüdische Menschen weiterhin bei sich einkaufen. Sie behandelte sie also weiterhin als Kundinnen und Kunden, während das Regime ihre Ausgrenzung aus der Gesellschaft vorantrieb.
„Pfui aufs Dritte Reich“
Am 16. Februar 1939 wurde Hedwig Müller auf Initiative eines NSDAP-Mitglieds bei der Gestapo denunziert. Anlass war ein Gespräch, das in ihrem Geschäft stattgefunden haben sollte. Dabei war vom Suizid einer jüdischen Frau die Rede gewesen. Müller wurde vorgeworfen, daraufhin gesagt zu haben:
„Es ist ja kein Wunder, wie sie mit den armen Juden umgehen – Pfui aufs dritte Reich.“
Die Äußerung bringt zwei Dinge zusammen, die unter der NS-Diktatur gefährlich werden konnten: offenes Mitgefühl mit verfolgten jüdischen Menschen und unverhohlene Kritik am nationalsozialistischen Regime. Ein Gespräch in einem kleinen Würzburger Geschäft wurde durch die Denunziation zu einer Angelegenheit der Geheimen Staatspolizei.

Am 24. Februar 1939 musste Hedwig Müller zur Gestapo in die Ludwigstraße. Bei ihrer Vernehmung erklärte sie, eine Kundin habe ihr berichtet, dass sich eine Jüdin am Petersplatz vergiftet habe. An ihre genaue Reaktion könne sie sich nicht erinnern. Sie habe vermutlich gesagt, es werde sich um Frau Wechsler handeln und sie bedauere deren Tod, „weil sie eine gute Kundin war“.
Wie das Verhör im Einzelnen verlief und welchem Druck Hedwig Müller dabei ausgesetzt war, ist nicht überliefert. Sicher ist jedoch, dass sie ihre Unterschrift unter das Vernehmungsprotokoll verweigerte. Daraufhin sollte sie noch am selben Nachmittag erneut in der Gestapo-Dienststelle in der Ludwigstraße erscheinen und das Protokoll unterschreiben.
Suizid am 24. Februar 1939
Nach dem Verhör ging Hedwig Müller zunächst in ihre Wohnung. Gegen 13 Uhr besuchte sie noch einmal ihre Mutter in der Eichendorffstraße und kehrte anschließend nach Hause zurück. Dort regelte sie Angelegenheiten, die ihr offenbar noch wichtig waren. Vermutlich gegen 14 Uhr ging sie auf den Speicher des Hauses.
Als sie zwei Tage lang nicht gesehen worden war, ließ ihr Bruder ihre Wohnung öffnen. Dort fand man ein auf den 24. Februar 1939 datiertes Testament sowie einen Abschiedsbrief. Dieser endete mit der knappen Mitteilung:
„Ich bin in der Bodenkammer! 2h.“
Hedwig Müller hatte sich das Leben genommen. Die zeitliche Abfolge ist dabei bemerkenswert: Am Vormittag war sie von der Gestapo verhört worden, am Nachmittag sollte sie zur Unterzeichnung des Protokolls zurückkehren. Stattdessen setzte sie ihrem Leben ein Ende. Welcher konkrete Druck während des Verhörs auf sie ausgeübt wurde, lässt sich aus der Überlieferung nicht rekonstruieren. Ihr Tod steht jedoch unmittelbar am Ende der Denunziation und des Gestapo-Verfahrens gegen sie.
Eine ungewöhnliche testamentarische Verfügung
Die Geschichte endete damit noch nicht. Als am 19. April 1939 Hedwig Müllers Testament eröffnet wurde, fand sich darin eine bemerkenswerte Verfügung:
„Die Clivie mitsamt dem Ständer, welche neben dem Bildnis des König Ludwig II steht, vermache ich Herrn (…) von der Geheimen Staatspolizei, Ludwigstraße 2, Zimmer 18.“
Bei dem von ihr bedachten Gestapo-Mann handelte es sich ausgerechnet um den Beamten, der sie bei der Vorladung vernommen hatte. Müller vermachte ihrem Vernehmer also eine Zimmerpflanze samt Ständer.
Wie diese Geste gemeint war, lässt sich nicht sicher feststellen. Gerade deshalb sollte sie nicht vorschnell als eindeutige Botschaft interpretiert werden. Denkbar sind Ironie, Provokation oder eine letzte demonstrative Geste gegenüber dem Mann und der Institution, mit denen sie unmittelbar vor ihrem Tod konfrontiert gewesen war.
Bemerkenswert ist jedoch die Reaktion des Gestapo-Beamten. Die testamentarische Verfügung beschäftigte erneut die Behördenakten. Der bedachte Gestapo-Mann wandte sich an seine Vorgesetzten und bat darum, die Erbschaft nicht annehmen zu müssen. Hedwig Müllers ungewöhnliche Verfügung hatte ihn offenbar zumindest so weit verunsichert, dass er die Angelegenheit nicht einfach für sich entschied.
Die Münzstraße als Ort des persönlichen Widerstands
Der Stolperstein in der Münzstraße liegt dort, wo sich Hedwig Müllers Reform- und Kräuterhaus befand. Genau hier spielte sich das Gespräch ab, das schließlich zu ihrer Denunziation führte. Ein alltäglicher Ort – ein kleines Geschäft in der Würzburger Innenstadt – wurde damit zum Schauplatz von Zustimmung, Verweigerung und Verfolgung während der NS-Diktatur.
Hedwig Müller gehörte keiner bekannten Widerstandsorganisation an. Ihr Beispiel zeigt eine andere Form des Widerstands: Sie bewahrte Mitgefühl mit Menschen, die das Regime ausgrenzte und verfolgte, und äußerte ihre Ablehnung dieser Behandlung offen. Dafür wurde sie von einem Mitbürger denunziert und von der Gestapo verhört.
Der Stolperstein erinnert deshalb nicht allein an ihren Tod. Er verweist auf die Handlungsspielräume des Einzelnen in einer Diktatur – und darauf, wie gefährlich bereits ein Satz werden konnte, der sich der nationalsozialistischen Menschenverachtung widersetzte.
Hedwig Müllers Geschichte zeigt zugleich, welche Rolle Denunziation und soziale Kontrolle bei der Durchsetzung der NS-Herrschaft spielten: Nicht die Gestapo hatte das Gespräch in ihrem Laden beobachtet. Erst die Weitergabe ihrer Äußerung durch einen anderen Menschen brachte sie in die Hände der politischen Polizei.
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