Homosexueller Künstler aus Würzburg
Ilse Totzke – Verfolgt von der Gestapo als Unangepasste*r und Helfer*in
Ilse Totzke
Die ehemalige Gestapo-Zentrale in der Ludwigstraße 2 ist ein zentraler Ort der Verfolgungsgeschichte von Ilse Totzke.
Von hier aus überwachte die Geheime Staatspolizei die Würzburgerin über Jahre, ließ Menschen aus ihrem Umfeld verhören, kontrollierte ihre Post und bedrohte sie schließlich mit der Einweisung in ein Konzentrationslager.
Totzke war den Nationalsozialisten vor allem wegen ihrer regimekritischen Haltung und ihrer engen Beziehungen zu jüdischen Menschen verdächtig. Auch ihr unangepasstes Auftreten und ihre von Zeitgenossen als lesbisch wahrgenommene Lebensweise machten sie in den Augen ihrer Umgebung zur Außenseiterin.
Eine unangepasste Studentin in Würzburg
Ilse Sonja Totzke wurde am 4. August 1913 in Straßburg geboren. 1932 kam sie nach Würzburg, um am Konservatorium Musik zu studieren. Sie spielte Klavier und Violine und beschäftigte sich mit Dirigieren. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten fiel sie zunehmend durch ein Verhalten auf, das nicht den gesellschaftlichen Erwartungen des Regimes entsprach.
Sie trug häufig als männlich wahrgenommene Kleidung und einen kurzen Haarschnitt, verweigerte den Hitlergruß und machte aus ihrer Ablehnung des Nationalsozialismus keinen Hehl.
Besonders entscheidend war, dass Totzke weiterhin Freundschaften mit jüdischen Menschen pflegte. Während sich viele Menschen angesichts der zunehmenden Ausgrenzung von ihren jüdischen Bekannten zurückzogen, hielt sie an diesen Beziehungen fest. Damit widersetzte sie sich ganz praktisch der von den Nationalsozialisten geforderten gesellschaftlichen Isolation der jüdischen Bevölkerung.
Denunziationen aus dem eigenen Umfeld
Totzkes Lebensweise blieb ihrer Umgebung nicht verborgen. Nachbarn und Bekannte beobachteten sie und meldeten ihre vermeintlichen Auffälligkeiten den Behörden. Gegenüber der Gestapo wurde unter anderem über ihre jüdischen Bekanntschaften, ihre Lebensweise und ihr äußeres Erscheinungsbild berichtet. Ein ehemaliger Vermieter bezeichnete sie als „Männerhasserin“, andere Beobachter hielten ihre Kontakte und ihre Lebensführung für verdächtig. Zeitweise wurde sogar der Verdacht geäußert, sie könne Spionage betreiben.
Überwachung durch die Gestapo
Die Gestapo begann Totzke intensiv zu überwachen. Ihre Post wurde kontrolliert, ihre Wohnung durchsucht und Menschen aus ihrem Umfeld wurden verhört. Immer wieder musste auch Totzke selbst bei der Gestapo erscheinen. Die Ludwigstraße 2 wurde damit für sie zu einem konkreten Ort staatlicher Einschüchterung und Bedrohung.

1941 erhielt die Gestapo einen anonymen Brief, in dem Totzke erneut wegen einer angeblich „sehr intimen Freundschaft“ zu einer vermeintlich jüdischen Frau denunziert wurde. Die Behörden versuchten zunehmend, sie dazu zu bringen, ihre Beziehungen zu jüdischen Menschen abzubrechen. Schließlich wurde ihr ausdrücklich mit der Einweisung in ein Konzentrationslager gedroht. Doch Totzke hielt weiterhin an ihren Freundschaften fest.
Verfolgt als lesbische Frau?
Totzke wurde von Menschen in ihrer Umgebung als lesbisch wahrgenommen und entsprechend denunziert. Ihre kurzen Haare, ihre als männlich wahrgenommene Kleidung und das Fehlen männlicher Partner wurden von Nachbarn und Gestapo-Beamten registriert und kommentiert. Dennoch ist bei der Einordnung ihrer Verfolgung eine wichtige Unterscheidung notwendig: Weibliche Homosexualität war im Deutschen Reich – anders als sexuelle Beziehungen zwischen Männern nach § 175 – nicht grundsätzlich strafbar.
Totzke wurde daher nicht aufgrund eines Straftatbestands „weibliche Homosexualität“ verurteilt. Ihre als lesbisch und unangepasst wahrgenommene Lebensweise trug jedoch zu ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung und Verdächtigung bei. Für die Gestapo standen insbesondere ihre regimekritische Haltung und ihre fortgesetzten Kontakte zu jüdischen Menschen im Mittelpunkt.
Hilfe für verfolgte Jüdinnen
Totzke beließ es nicht bei Freundschaften. Als die Deportationen der jüdischen Bevölkerung begannen, versuchte sie aktiv zu helfen. Zwischen Ende 1942 und Anfang 1943 unterstützte sie jüdische Bekannte bei Fluchtversuchen in Richtung Schweiz.
Im Februar 1943 versuchte sie schließlich gemeinsam mit der jüdischen Musikerin Ruth Basinski selbst die Schweizer Grenze zu überqueren. Damit ging Totzke ein enormes persönliches Risiko ein. Sie wusste aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrungen mit der Gestapo, welche Konsequenzen ihr drohten, wenn sie entdeckt würde.
Der gescheiterte Fluchtversuch
Totzke und Basinski erreichten die Schweiz, wurden dort jedoch aufgegriffen und zurückgewiesen. Nach ihrer Festnahme gelangten sie wieder in die Gewalt der deutschen Behörden. Totzke wurde nach Würzburg gebracht und erneut verhört.
Für beide Frauen hatte der gescheiterte Fluchtversuch schwerwiegende Folgen. Ruth Basinski wurde später nach Auschwitz deportiert. Ilse Totzke wurde nicht in einem regulären Gerichtsverfahren verurteilt. Stattdessen veranlasste die Gestapo ihre Einweisung in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück.
Deportation nach Ravensbrück
Im Mai 1943 wurde Ilse Totzke in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Totzke überlebte Ravensbrück und wurde im April 1945 befreit. Nach dem Krieg lebte sie überwiegend zurückgezogen. Sie starb am 23. März 1987 im elsässischen Haguenau.
Von der Verfolgten zur „Gerechten unter den Völkern“
1995 ehrte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Ilse Totzke postum als „Gerechte unter den Völkern“. Damit wurde ihr Einsatz für verfolgte jüdische Menschen gewürdigt.
In Würzburg erinnert heute außerdem die Ilse-Totzke-Straße an sie.
Verfolgung queerer Menschen
Der NS-Staat verschärfte ab 1935 den § 175 massiv, weitete den Straftatbestand der Homosexualität aus und machte selbst Küsse oder Berührungen zwischen Männern strafbar.
Bis 1945 wurden rund 50.000 Menschen nach § 175 verurteilt, zwischen 10.000 und 15.000 Männer wurden in Konzentrationslager deportiert und mussten dort den „Rosa Winkel“ tragen.
Lesbische Frauen wurden nicht systematisch über den § 175 erfasst, galten aber als „asozial“ und wurden unter Vorwänden wie „Unzucht“ überwacht und schikaniert.
Ihre Verfolgung ist noch nicht so anerkannt und erforscht, wie die der Männer.
Andere queere Menschen, die sich der binären Geschlechterzuteilung widersetzten, wie z.B. Ilse Trotzke, wurden auch verfolgt und in Konzentrationslager gebracht.
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