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Theresia Winterstein – eine junge Künstlerin am Würzburger Stadttheater

Am Würzburger Stadttheater stand Ende der 1930er Jahre eine junge Sängerin und Tänzerin auf der Bühne, deren Lebensgeschichte eng mit der nationalsozialistischen Verfolgung der Sinti und Roma verbunden ist: Theresia Winterstein.

Sie wirkte unter anderem in Georges Bizets Oper Carmen und Emmerich Kálmáns Operette Gräfin Mariza mit. Für die junge Frau bedeuteten diese Auftritte die Möglichkeit, ihrer Leidenschaft für Musik und Tanz nachzugehen und sich als Künstlerin ein eigenes Leben aufzubauen. Doch ihre Karriere wurde durch die nationalsozialistische Rassenpolitik gewaltsam beendet. Im April 1940 verlängerte das Würzburger Stadttheater ihren Arbeitsvertrag aus rassistischen Gründen nicht mehr. Theresia Winterstein war damals erst 18 Jahre alt.

Das Stadttheater steht damit für zwei gegensätzliche Seiten ihrer Biografie: für den Beginn einer vielversprechenden künstlerischen Laufbahn und für den Ausschluss einer jungen Sintiza aus dem öffentlichen Kulturleben ihrer Stadt.

Kindheit und Jugend – das Leben einer Sinti-Familie

Theresia Winterstein wurde am 21. Dezember 1921 in Mannheim geboren. Ihre Eltern Josefine und Johann Winterstein waren als Händler tätig und stellten Korbwaren her, die sie auf Märkten und Messen verkauften. Theresia wuchs mit ihren Brüdern Otto und Kurt auf. Die Familie war katholisch und lebte zeitweise in Lohr am Main, bevor sie 1939 nach Würzburg ziehen musste.

Schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs war die Familie von der zunehmenden Diskriminierung der Sinti und Roma betroffen. Die nationalsozialistischen Behörden entzogen Theresias Vater 1939 den Gewerbeschein und damit die Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Auch ihrer Mutter wurde die gewerbliche Tätigkeit untersagt. Sie hatte sich gegen die Verschleppung ihres Bruders in ein Konzentrationslager gewehrt und über die dortigen Zustände gesprochen.

Nach dem sogenannten Festsetzungserlass Heinrich Himmlers vom Oktober 1939 wurde die Bewegungsfreiheit der Sinti und Roma massiv eingeschränkt. Die Familie Winterstein musste sich in Würzburg niederlassen. Für Theresia bedeutete dies, dass sich ihr Leben zunehmend unter staatlicher Kontrolle abspielte.

Auftritte im CC-Varieté – die letzten Jahre als Sängerin und Tänzerin

Neben dem Stadttheater trat Theresia Winterstein auch im CC-Varieté in der Würzburger Eichhornstraße auf. Das Varieté gehörte damals zu den bekannten Unterhaltungsbühnen der Stadt. Dort sang sie Chansons und wirkte im Tanzensemble mit.

Ein Bericht des Historikers Roland Flade beschreibt einen Auftritt im Januar 1940: Während im Zuschauerraum auch Wehrmachtssoldaten auf Heimaturlaub saßen, tanzte die 18-jährige Theresia auf der Bühne. Deutschland führte bereits Krieg, und die Verfolgung der Sinti und Roma verschärfte sich. Dennoch konnte Theresia für kurze Zeit noch vor Publikum auftreten.

In ihrem musikalischen Umfeld lernte sie den Sinti-Geiger Gabriel Reinhard kennen, der später ihr Ehemann wurde. Beide verband die Musik, doch auch ihre gemeinsame Zukunft war durch die nationalsozialistische Verfolgung bedroht.

Nachdem Theresia schließlich auch außerhalb des Stadttheaters nicht mehr auftreten durfte, musste sie ihre künstlerische Tätigkeit vollständig aufgeben. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete sie unter anderem als Verkäuferin, Näherin, Arbeiterin in der Bonbonherstellung, Packerin und Platzanweiserin in einem Kino.

Der Verlust ihrer beruflichen Möglichkeiten war kein gewöhnlicher Karrierebruch. Theresia wurde nicht wegen mangelnder Fähigkeiten entlassen, sondern weil die Nationalsozialisten Menschen aufgrund ihrer Herkunft aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben ausschlossen.

Rassistische Verfolgung und drohende Zwangssterilisation

Die nationalsozialistischen Behörden hatten Theresia Winterstein nach den Kriterien ihrer rassistischen Ideologie als sogenannte „Zigeunermischling“ eingestuft. Diese menschenverachtende Kategorisierung bestimmte zunehmend ihr Leben.

1941 wurde Theresia von der Gestapo gezwungen, einer Sterilisation zuzustimmen. Die nationalsozialistische Politik zielte darauf, Sinti und Roma an der Familiengründung zu hindern und sie langfristig aus der Gesellschaft auszuschließen. Die Zustimmung war unter dem Druck drohender Verfolgungsmaßnahmen erzwungen worden und hatte mit einer freien Entscheidung nichts zu tun.

Als die Sterilisation durchgeführt werden sollte, war Theresia bereits im dritten Monat schwanger. Sie erwartete Zwillinge von Gabriel Reinhard. Die Schwangerschaft wurde nicht abgebrochen, weil die Kinder für medizinische Untersuchungen von Interesse waren. Theresia musste sich verpflichten, ihre Kinder nach der Geburt der Würzburger Universitätsklinik für Forschungszwecke zur Verfügung zu stellen.

Damit geriet nicht nur ihre eigene körperliche Unversehrtheit, sondern auch das Leben ihrer ungeborenen Kinder in die Gewalt der nationalsozialistischen Medizin.

Die Geburt ihrer Zwillinge und der Kampf um ihre Kinder

Am 3. März 1943 brachte Theresia Winterstein in der Würzburger Universitätsklinik ihre beiden Töchter Rita und Rolanda zur Welt. Bereits am folgenden Tag wurde sie gegen ihren Willen sterilisiert. Die Operation hatte schwerwiegende gesundheitliche Folgen, unter denen sie noch lange leiden sollte.

Theresia fürchtete um das Leben ihrer Kinder. Am 9. März verließ sie deshalb mit den Säuglingen vorzeitig die Klinik. Doch am 6. April 1943 erschien die Gestapo in ihrer Wohnung, nahm ihr die beiden Mädchen weg und brachte sie zurück in die Universitätsklinik.

Als Theresia ihre Töchter dort besuchen wollte, wurde ihr der Zutritt verweigert. Sie verschaffte sich dennoch Zugang und fand Rolanda schwer verletzt und leblos vor. Beide Kinder trugen Kopfverbände. Später wurde bekannt, dass an den Zwillingen medizinische Menschenversuche durchgeführt worden waren, darunter Versuche zur Veränderung ihrer Augenfarbe.

Rita überlebte, erlitt jedoch schwere gesundheitliche Schäden, die sie ihr gesamtes Leben begleiteten. Theresia gelang es, ihre schwer verletzte Tochter aus dem Krankenhaus zu holen und damit ihr Leben zu retten.

Der Verlust Rolandas und die Sorge um Rita prägten Theresias weiteres Leben. Zugleich zeigte sich in ihrem Verhalten der entschlossene Widerstand einer Mutter, die sich trotz der Macht der Gestapo und der Klinikärzte nicht davon abhalten ließ, um ihre Kinder zu kämpfen.

Die Verfolgung ihrer Familie

Theresia Winterstein war nicht das einzige Mitglied ihrer Familie, das unter der nationalsozialistischen Verfolgung litt. Ihr Vater und ihr Bruder Kurt wurden ebenfalls zwangssterilisiert. Ihr Bruder Otto wurde im Januar 1944 in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert, überlebte jedoch.

Andere Angehörige der Familie Winterstein wurden ermordet. Dazu gehörten Theresias Onkel Franz Winterstein sowie ihre Cousine Anneliese Winterstein und deren kleine Söhne Karl-Heinz und Waldemar.

Für Theresia bedeutete die nationalsozialistische Herrschaft deshalb nicht nur den Verlust ihres Berufs und ihrer körperlichen Selbstbestimmung, sondern auch die Ermordung naher Verwandter und die Zerstörung großer Teile ihres familiären Umfelds.

Ein Leben nach 1945 – Überleben, Familie und Neubeginn

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte Theresia Winterstein zunächst wieder in Würzburg, gemeinsam mit ihrer Tochter Rita und ihren Eltern. Auch ihr Bruder Otto kehrte nach seiner Befreiung aus Auschwitz zur Familie zurück.

Doch der Krieg und die Verfolgung hatten tiefe Spuren hinterlassen. Theresias Ehe mit Gabriel Reinhard endete, nachdem bekannt geworden war, dass dessen erste Frau Auschwitz überlebt hatte.

1956 heiratete Theresia den amerikanischen Soldaten Emanuel Seible, der Rita adoptierte. Seitdem trug sie den Namen Theresia Winterstein-Seible. Zeitweise lebte sie mit ihrer Familie in den Vereinigten Staaten, kehrte jedoch immer wieder nach Deutschland zurück.

Der Kampf um Anerkennung und Wiedergutmachung

Nach 1945 begann für Theresia Winterstein ein weiterer, jahrzehntelanger Kampf: der um die Anerkennung des erlittenen Unrechts.

Sie beantragte Entschädigungen für sich und ihre Tochter Rita. Während ihr selbst eine Wiedergutmachungsleistung bewilligt wurde, lehnten die Behörden eine Entschädigung für Rita zunächst ab. Erst Jahrzehnte später wurde deren Anspruch anerkannt.

Theresia setzte sich nicht nur für ihre eigene Familie ein. Sie unterstützte auch andere Sinti und Roma, die während der NS-Zeit verfolgt und zwangssterilisiert worden waren. Sie trat als Sachverständige in Gerichtsverfahren zu nationalsozialistischen Verbrechen auf und gründete später eine Organisation, die für die Anerkennung der Sinti und Roma als Opfer des Nationalsozialismus und für Entschädigungen eintrat.

Erinnerung an Theresia Winterstein in Würzburg

Theresia Winterstein-Seible starb am 1. April 2007 im Alter von 85 Jahren in Frankfurt am Main.

Ihr Leben verbindet mehrere Kapitel der Würzburger Stadtgeschichte: die Kultur- und Theatergeschichte der 1930er Jahre, die rassistische Ausgrenzung der Sinti und Roma, die Verbrechen der nationalsozialistischen Medizin und den langen Kampf der Überlebenden um Anerkennung.

Im Oktober 2022 beschloss der Würzburger Stadtrat, die bisherige Hermann-Zilcher-Straße im Frauenland nach ihr zu benennen. Seit der Umsetzung der Umbenennung erinnert die Theresia-Winterstein-Straße an die Künstlerin, Verfolgte und Bürgerrechtlerin.

Porajmos – der Völkermord an Sinti und Roma

Der nationalsozialistische Völkermord an den europäischen Sinti und Roma wird häufig als Porajmos bezeichnet. Der Begriff stammt aus dem Romanes und bedeutet sinngemäß „das Verschlingen“. Andere Bezeichnungen sind Samudaripen, was „Massenmord“ bedeutet, oder Kali Trash, die „schwarze Angst“. Nicht alle Angehörigen der Minderheit verwenden dieselbe Bezeichnung.

Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik bildete den gewaltsamen Höhepunkt einer jahrhundertelangen Geschichte der Ausgrenzung und Diskriminierung. Die Nationalsozialisten betrachteten Sinti und Roma aufgrund ihrer rassistischen Ideologie als minderwertig und verfolgten sie systematisch.

Unter der diskriminierenden Fremdbezeichnung „Zigeuner“ fassten die Behörden unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammen. Dazu gehörten deutsche Sinti, Roma aus anderen Teilen Europas und weitere Gruppen. Auch Jenische wurden teilweise unter dieser Bezeichnung erfasst und verfolgt, obwohl sie eine eigenständige Bevölkerungsgruppe bilden.

Die genaue Zahl der Opfer des Völkermords ist bis heute nicht bekannt. Die Schätzungen reichen bis zu einer Million ermordeter Menschen. Für die deutschen Sinti bedeutete die nationalsozialistische Vernichtungspolitik den Verlust eines großen Teils ihrer Gemeinschaften und Familien.

Ausgrenzung und Entrechtung in Würzburg

Schon vor 1933 waren Sinti und Roma in Deutschland mit gesellschaftlichen Vorurteilen, polizeilicher Kontrolle und staatlicher Diskriminierung konfrontiert. Die Nationalsozialisten verschärften diese Maßnahmen und machten die rassistische Verfolgung zu einem Bestandteil ihrer Politik.

Auch in Würzburg wurden Sinti zunehmend ausgegrenzt und ihrer Rechte beraubt. Die Behörden erfassten Menschen aufgrund ihrer zugeschriebenen Herkunft, kontrollierten ihre Lebensverhältnisse und schränkten ihre Bewegungsfreiheit ein. Mit der nationalsozialistischen Rassenpolitik wurden Sinti und Roma schließlich zu Opfern staatlich organisierter Zwangsmaßnahmen.

Die Verfolgung betraf Menschen, die seit Generationen in Würzburg und der Region lebten. Sie waren Teil der Stadtgesellschaft, hatten hier ihre Familien, ihren Alltag und ihre sozialen Beziehungen. Die nationalsozialistische Politik zielte darauf ab, sie aus dieser Gesellschaft auszuschließen und schließlich zu vernichten.

Deportation nach Auschwitz – die Würzburger Familien Winterstein, Heumann und Hilbert

Einen entscheidenden Schritt zur systematischen Vernichtung bildeten die Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Besonders das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurde zum zentralen Ort des Völkermords an den Sinti und Roma.

Im sogenannten „Zigeunerfamilienlager“ in Auschwitz-Birkenau wurden ganze Familien unter katastrophalen Bedingungen gefangen gehalten. Hunger, Krankheiten, Misshandlungen und medizinische Experimente bestimmten den Alltag. Tausende Menschen starben an den Haftbedingungen oder wurden gezielt ermordet.

Unter den Deportierten befanden sich auch mindestens 30 namentlich bekannte Sinti aus Würzburg. Die meisten gehörten den Familien Winterstein, Heumann und Hilbert an. Unter ihnen waren 14 Kinder.

Nur von vier erwachsenen Angehörigen dieser Gruppe ist bekannt, dass sie die Lagerhaft überlebten. Diese Zahlen verdeutlichen, wie umfassend die nationalsozialistische Vernichtungspolitik ganze Familien und ihre Lebenszusammenhänge zerstörte.

Späte Anerkennung des Völkermords

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete die Befreiung vom Nationalsozialismus für viele überlebende Sinti und Roma keineswegs das Ende ihrer Diskriminierung.

Während sich die bundesdeutsche Gesellschaft allmählich mit den nationalsozialistischen Verbrechen auseinandersetzte, blieb der Völkermord an den Sinti und Roma lange weitgehend unbeachtet. Über Jahrzehnte wurde ihre Verfolgung von Behörden und Gerichten nicht als rassistisch motiviertes Unrecht anerkannt.

Stattdessen übernahmen staatliche Stellen teilweise die diskriminierenden Vorstellungen der nationalsozialistischen Verfolger. Die Maßnahmen gegen Sinti und Roma wurden nachträglich als angeblich kriminalpolizeilich begründete Eingriffe dargestellt. Diese Sichtweise erschwerte den Überlebenden die Anerkennung ihres Leids und die Durchsetzung von Entschädigungsansprüchen.

Erst durch das jahrzehntelange Engagement von Überlebenden und Bürgerrechtsorganisationen setzte sich eine grundlegende Neubewertung durch. Am 17. März 1982 erkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt den nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma offiziell als rassistisch motiviert an.

Die späte Anerkennung zeigt, wie lange antiziganistische Vorurteile auch nach 1945 in der deutschen Gesellschaft und in staatlichen Institutionen fortwirkten.

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