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Albrecht Becker – verfolgt wegen seiner Homosexualität

Albrecht Becker

Das ehemalige Modehaus Rom & Wagner in der Würzburger Theaterstraße ist eng mit der Biografie Albrecht Beckers verbunden.

Nachdem Becker 1924 nach Würzburg gekommen war, vermittelte ihm sein späterer Partner, der Historiker Joseph Friedrich Abert, dort eine Stelle als Schaufensterdekorateur.

Mehr als zehn Jahre später wurde Becker im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung homosexueller Männer verhaftet. Nach drei Jahren Gefängnis kehrte er 1938 nach Würzburg zurück – und sein früherer Arbeitgeber stellte ihn trotz seiner Verurteilung nach § 175 erneut bei Rom & Wagner ein.

Ein neues Leben in Würzburg

Walter Albrecht Becker wurde am 14. November 1906 in Thale im Harz geboren. Schon als Jugendlicher interessierte er sich für Fotografie und Gestaltung. Nach der Schule absolvierte er eine Lehre in einem Modegeschäft und besuchte anschließend das Technikum für Textilkunst in Reutlingen.

In dieser Zeit lernte er den deutlich älteren Historiker Joseph Friedrich Abert kennen. Auf dessen Einladung kam Becker 1924 nach Würzburg. Abert vermittelte ihm die Stelle bei Rom & Wagner in der Theaterstraße. Damit wurde das Modehaus zu einem der ersten Orte seines neuen Lebens in Würzburg.

1927 zog Becker zu Abert in die Kettengasse 30. Zwischen den beiden Männern bestand über viele Jahre eine enge persönliche und sexuelle Beziehung. Abert führte den jungen Becker zugleich an Literatur, Kunst und Theater heran.

Schaufensterdekorateur bei Rom & Wagner

Als Schaufensterdekorateur konnte Becker seine gestalterischen Fähigkeiten beruflich einsetzen. Die Arbeit verband Mode, Raumgestaltung und Inszenierung – Fähigkeiten, die Jahrzehnte später auch für seine erfolgreiche Tätigkeit als Filmarchitekt von Bedeutung waren.

Portrait von Albrecht Becker 1930

Albrecht Becker 1930

Selbstbewusstes Leben der Homosexualität

Becker lebte seine Homosexualität für die damalige Zeit vergleichsweise selbstbewusst. In Würzburg bewegte er sich in einem Freundes- und Bekanntenkreis, zu dem auch andere homosexuelle Männer gehörten. Mit der nationalsozialistischen Herrschaft wurde dieses private Leben jedoch zunehmend gefährlich.

Verhaftung im Januar 1935

Anfang 1935 gerieten Becker und Abert in den Fokus der nationalsozialistischen Verfolgung homosexueller Männer. Am 3. Januar 1935 wurde Becker festgenommen. Nach seinen späteren Erinnerungen galt das besondere Interesse der Ermittler zunächst Abert, der als Historiker, Honorarprofessor und Direktor des Würzburger Staatsarchivs eine bekannte Persönlichkeit der Stadt war.

Abert gehörte selbst der NSDAP und der SA an. Dennoch schützte ihn seine Zugehörigkeit zu nationalsozialistischen Organisationen nicht vor der Verfolgung wegen homosexueller Kontakte. Auch er wurde festgenommen und verlor schließlich seinen Beamtenstatus.

Verurteilt nach § 175

Becker wurde wegen Verstoßes gegen § 175 des Reichsstrafgesetzbuches zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Strafe verbüßte er im Strafgefängnis Nürnberg. Der Paragraph kriminalisierte sexuelle Handlungen zwischen Männern und wurde von den Nationalsozialisten 1935 erheblich verschärft. Für Tausende Männer bildete er die Grundlage für Ermittlungen, Verurteilungen und Inhaftierungen.

Becker verlor drei Jahre seines Lebens aufgrund seiner sexuellen Beziehungen zu Männern. Dabei bestand für ihn eine weitere Gefahr: Zahlreiche nach § 175 verurteilte Männer wurden nach dem Ende ihrer regulären Haft nicht freigelassen, sondern anschließend in Konzentrationslager verschleppt. Becker blieb dies erspart.

Rückkehr zu Rom & Wagner

Am 8. Januar 1938 wurde Becker aus dem Gefängnis entlassen und kehrte nach Würzburg zurück. Nun erhielt das Modehaus Rom & Wagner erneut eine besondere Bedeutung in seiner Biografie.

Sein früherer Arbeitgeber Erwin Rom stellte Becker wieder als Schaufensterdekorateur ein – obwohl ihm dessen Verurteilung wegen homosexueller Kontakte bekannt war. In einer Zeit, in der eine solche Verurteilung zur gesellschaftlichen Ausgrenzung und zum Verlust der beruflichen Existenz führen konnte, eröffnete diese Entscheidung Becker die Möglichkeit, wieder beruflich Fuß zu fassen.

Krieg und Überleben

1940 meldete sich Becker zum Militär und kam 1941 an der Ostfront zum Einsatz. 1944 wurde Becker verwundet. Während seiner Genesung in Würzburg lernte er den Filmarchitekten Herbert Kirchhoff kennen. Diese Begegnung stellte die Weichen für Beckers berufliches Leben nach dem Ende des Nationalsozialismus.

Vom Schaufenster zum Filmset

1946 holte Kirchhoff Becker nach Hamburg. Zunächst arbeitete Becker als dessen Assistent, später wurden beide gleichberechtigte Partner. Als Filmarchitekt und Szenenbildner konnte Becker an seine Erfahrungen mit Gestaltung und Inszenierung anknüpfen, die bereits seine Tätigkeit als Schaufensterdekorateur bei Rom & Wagner geprägt hatten.

Becker entwickelte sich zu einem erfolgreichen Filmarchitekten des deutschen Nachkriegskinos. Für die Ausstattung von Der Hauptmann von Köpenick erhielt er 1957 den Bundesfilmpreis in Gold.

Ein Zeitzeuge der Verfolgung homosexueller Männer

Im hohen Alter sprach Becker öffentlich über seine Homosexualität und seine Verfolgung während der NS-Zeit. Damit wurde er zu einem wichtigen Zeitzeugen einer Opfergruppe, deren Geschichte nach 1945 lange kaum öffentlich wahrgenommen wurde. Der § 175 bestand in der Bundesrepublik fort, und viele während der NS-Zeit verurteilte Männer galten auch nach dem Krieg weiterhin als vorbestraft.

1998 kehrte Becker noch einmal öffentlich nach Würzburg zurück. Beim SchwuLesbischen Filmfest stellte der damals 91-Jährige den Dokumentarfilm Mond im Skorpion – Albrecht Becker über sich vor, in dem er auch über seine Erfahrungen während der nationalsozialistischen Herrschaft berichtete.

Albrecht Becker starb am 22. April 2002 in Hamburg im Alter von 95 Jahren.

Verfolgung homosexueller Männer nach § 175

Die systematische Verfolgung homosexueller Menschen im Nationalsozialismus basierte auf der rassenhygienischen und patriarchalen Ideologie der Nationalsozialisten, wobei das Regime in Würzburg wie im gesamten Reich mit unerbittlicher Härte gegen jede Abweichung von der heteronormativen Norm vorging.

Schwule Männer galten den Nationalsozialisten als „Volksfeinde“, da sie die Geburtenrate gefährdeten und sich der geforderten „männlichen Leistungsfähigkeit“ entzogen.

Der NS-Staat verschärfte ab 1935 den § 175 massiv, weitete den Straftatbestand aus und machte selbst Küsse oder Berührungen zwischen Männern strafbar; bis 1945 wurden rund 50.000 Menschen nach § 175 verurteilt, zwischen 10.000 und 15.000 Männer wurden in Konzentrationslager deportiert und mussten dort den „Rosa Winkel“ tragen.

Verfolgung anderer queerer Menschen

Lesbische Frauen wurden nicht systematisch über den § 175 erfasst, galten aber als „asozial“ und wurden unter Vorwänden wie „Unzucht“ überwacht und schikaniert.

Ihre Verfolgung ist noch nicht so anerkannt und erforscht, wie die der Männer.

Andere queere Menschen, die sich der binären Geschlechterzuteilung widersetzten, wie z.B. Ilse Trotzke aus Würzburg, wurden auch verfolgt und in Konzentrationslager gebracht.

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