Widerstand einer jugendlichen Tagebuchschreiberin
Platz vor dem Bischofspalais – Bühne des Katholischen Widerstands
Katholische Widerstand in der Innendstadt von Würzburg
Eine der eindrucksvollsten Aktionen des katholischen Jugendwiderstands in Würzburg spielte sich mitten im Zentrum der Stadt ab: im Würzburger Dom und anschließend auf dem Platz vor dem Bischofspalais.
Ludwig Altenhöfer schildert das Ereignis in seinem Buch Aktion Grün ausführlich und dramatisch. Seine Darstellung beruht nach eigener Aussage auf tatsächlichen Erlebnissen, ist jedoch literarisch bearbeitet: Personen wurden verändert und einzelne Vorgänge zusammengeführt. Die geschilderten Dialoge sind deshalb nicht als wortgetreue historische Protokolle zu verstehen.
Der Dom ist bis auf den letzten Platz gefüllt
Ausgangspunkt war ein großer Gottesdienst im Würzburger Dom 1941, während der Feierlichkeiten zum 1200-jährigen Jubiläum des Bistums Würzburg. Schon die Menschenmenge machte deutlich, dass katholisches Gemeinschaftsleben trotz der nationalsozialistischen Gleichschaltung noch eine erhebliche Mobilisierungskraft besaß. Altenhöfer beschreibt einen überfüllten Dom, in dem sich Tausende Gläubige versammelt hatten.
Unter den Besuchern befanden sich jedoch auch Angehörige der Hitlerjugend. Die katholischen Jugendlichen rechneten offenbar mit Störungen und hatten sich darauf vorbereitet. Mitglieder aus ihrem Umfeld übernahmen an den Eingängen eine Art Ordnungsdienst und beobachteten die HJ-Gruppen.
Die Spannung zwischen beiden Seiten war nicht neu. Die katholischen Jugendverbände waren verboten worden, dennoch bestanden Teile ihrer Gemeinschaften illegal weiter. In Würzburg entwickelte sich daraus ein Netzwerk junger Katholiken, das sich der vollständigen Gleichschaltung durch den nationalsozialistischen Staat widersetzte.
Kleine grüne Zettel kündigen die eigentliche Aktion an
Noch während der kirchlichen Veranstaltung wurde die nächste Aktion vorbereitet. Kleine grüne Zettel gelangten unter die Besucher. Darauf stand:
„Nach der Feier treffen wir uns alle auf dem Platz vor dem Bischofspalais. Wir grüßen die Bischöfe.“
Der unscheinbare Zettel verwandelte den Gottesdienst in den Ausgangspunkt einer öffentlichen Demonstration. Die Teilnehmer sollten nach dem Ende der Feier nicht einfach nach Hause gehen. Sie sollten sich vor dem Bischofspalais sammeln und dort gemeinsam auftreten.
Das war politisch brisant. Der Platz lag im unmittelbaren Zentrum Würzburgs. Eine große Menschenmenge konnte dort nicht verborgen bleiben. Was bei geheimen Treffen und nächtlichen Flugblattaktionen noch im Schutz der Dunkelheit geschah, wurde nun für Passanten, Polizei und Gestapo sichtbar.
Provokationen der Hitlerjugend
Bereits im Dom verschärfte sich nach Altenhöfers Darstellung die Situation. Angehörige der Hitlerjugend versuchten, die Veranstaltung durch Zwischenrufe zu stören. Die katholischen Jugendlichen wollten verhindern, dass daraus eine größere Störaktion entstand.
Altenhöfer schildert die Situation als unmittelbare Konfrontation zweier Jugendwelten. Auf der einen Seite standen Jugendliche, die trotz Verbot an ihrer katholischen Gemeinschaft festhielten. Auf der anderen Seite standen Angehörige der Hitlerjugend, die den Anspruch des Regimes verkörperte, die deutsche Jugend möglichst vollständig zu erfassen.
Die Auseinandersetzung blieb schließlich nicht bei Worten. Im Bereich des Doms kam es nach Altenhöfers Darstellung zu Handgreiflichkeiten. Die katholischen Jugendlichen drängten störende HJ-Mitglieder hinaus; vor dem Dom setzte sich die körperliche Auseinandersetzung fort.
Gerade dieser Teil der Schilderung sollte quellenkritisch gelesen werden. Aktion Grün ist keine amtliche Ereignischronik, sondern eine nach dem Krieg entstandene literarische Verarbeitung. Die detaillierten Wortwechsel und einzelnen Kampfszenen sollten deshalb nicht automatisch als exaktes Protokoll des Geschehens verstanden werden.
Vom Kirchenraum auf die Straße
Nach dem Ende der Feier verlagerte sich das Geschehen. Die Menschen strömten aus dem Dom und gingen nicht auseinander. Stattdessen folgten viele der auf den grünen Zetteln verbreiteten Aufforderung und bewegten sich zum Bischofspalais.
Damit veränderte sich der Charakter der Aktion grundlegend.
Im Dom hatte sich die katholische Jugend noch im geschützten Rahmen einer kirchlichen Veranstaltung bewegt. Auf dem Platz vor dem Bischofspalais trat sie dagegen in den öffentlichen Raum. Die Beteiligten machten sichtbar, dass es in Würzburg eine große katholische Gemeinschaft gab, deren Loyalität sich nicht ausschließlich auf die nationalsozialistischen Organisationen und den Staat richtete.
Der Platz vor dem Bischofspalais füllt sich
Altenhöfer spricht von ungefähr 3.000 jungen Menschen, die sich schließlich vor dem Bischofspalais versammelt hätten. Diese konkrete Zahl stammt aus seiner Darstellung und sollte daher als solche verstanden werden. Entscheidend ist jedoch das Bild, das sich ihm eingeprägt hatte: Der Platz vor dem Bischofspalais wurde für kurze Zeit zu einem öffentlichen Versammlungsort der katholischen Jugend.
Polizei und Gestapo waren anwesend und beobachteten die Menge.
Damit entstand eine außergewöhnliche Situation. Eine Widerstandsgruppe, die normalerweise auf geheime Treffpunkte, Decknamen und nächtliche Aktionen angewiesen war, stand nun gemeinsam mit einer großen Zahl weiterer Katholiken offen im Herzen Würzburgs.
Der Ort selbst verlieh der Aktion zusätzliche Bedeutung. Das Bischofspalais repräsentierte sichtbar die katholische Kirche und den Würzburger Bischof. Die Versammlung fand damit nicht an irgendeinem Platz statt, sondern unmittelbar vor einem zentralen Symbol des katholischen Lebens in Würzburg.
Das Bischofspalais heute
„Treu!“ – ein kurzer Ruf mit politischer Wirkung
Als die Bischöfe erschienen, wurden sie von den Jugendlichen begrüßt. Immer wieder erklang nach Altenhöfers Darstellung der Ruf:
„Treu!“
Ein solches Wort konnte im damaligen Zusammenhang mehr bedeuten als eine gewöhnliche Begrüßung. Die katholischen Jugendlichen demonstrierten damit öffentlich ihre Verbundenheit mit ihrer kirchlichen Gemeinschaft.
Besonders deutlich wurde dies, als der Abt der von den Nationalsozialisten aufgehobenen und beschlagnahmten Abtei Münsterschwarzach erschien. Nun richtete sich die Aufmerksamkeit der Menge auf ihn. Altenhöfer beschreibt, wie der Ruf anschwoll:
„Vater Abt! Vater Abt!“
Minutenlang soll die Menge den Abt begrüßt haben. Vor dem Hintergrund der gewaltsamen Aufhebung des Klosters erhielt diese Begrüßung eine zusätzliche Bedeutung: Eine Person, deren Kloster vom Regime beschlagnahmt worden war, wurde mitten in Würzburg demonstrativ gefeiert.
Die Gestapo erkennt die politische Bedeutung
Für die Gestapo war eine solche Menschenansammlung nicht einfach eine religiöse Veranstaltung. In Altenhöfers Darstellung beobachtet ein Gestapobeamter die Szene und reagiert mit den Worten:
„Tolle Sache hier! Muß was unternommen werden!“
Gerade dieser Satz bringt die politische Dimension der Situation zum Ausdruck – auch wenn er als literarisch überlieferter Dialog nicht mit einem amtlichen Gestapoprotokoll gleichgesetzt werden darf.
Die nationalsozialistische Herrschaft beanspruchte nicht nur politische Kontrolle. Auch eigenständige Jugendorganisationen und öffentliche Loyalitätsbekundungen außerhalb der NS-Organisationen konnten als Herausforderung dieses Anspruchs verstanden werden. Die katholischen Jugendgruppen Würzburgs waren bereits verboten; dennoch bestanden Teile ihrer Strukturen illegal weiter.
Aus einer kirchlichen Feier wird eine Demonstration
Die Besonderheit der Aktion lag deshalb nicht in einer einzelnen Parole. Entscheidend war das Zusammenspiel verschiedener Elemente: Die katholischen Jugendlichen organisierten sich trotz Verbots, bereiteten sich auf Störungen der Hitlerjugend vor, verteilten heimlich grüne Zettel und bewegten anschließend eine große Zahl von Menschen dazu, sich vor dem Bischofspalais zu versammeln.
Dort wurde aus religiöser Gemeinschaft öffentlicher Protest.
Die Beteiligten trugen keine Waffen. Sie besetzten kein staatliches Gebäude und versuchten nicht, die politische Macht zu übernehmen. Ihre Aktion bestand darin, sich sichtbar zusammenzustellen und öffentlich zu zeigen, wem sie sich verbunden fühlten. Hier wurde eine Haltung, die normalerweise in geheimen Räumen, bei verbotenen Treffen und durch anonyme Flugblätter zum Ausdruck kam, für einen kurzen Moment öffentlich sichtbar.
Ein Schauplatz mit besonderer Symbolkraft
Wer heute vor dem ehemaligen Bischofspalais steht, befindet sich daher an einem Ort, an dem sich unterschiedliche Formen von Herrschaft und Widerstand unmittelbar begegneten. Auf diesem Platz beobachteten Gestapo und Polizei eine katholische Menschenmenge; hier bekannten sich Jugendliche demonstrativ zu ihren Bischöfen und zum Abt von Münsterschwarzach; und hier zeigte sich, dass die nationalsozialistische Gleichschaltung der Jugend nicht vollständig gelungen war.
So wurde der Platz vor dem Bischofspalais zu mehr als einer Kulisse. Er wurde zu einem Schauplatz, an dem der ansonsten verborgene Widerstand der „Aktion Grün“ für einen Augenblick mitten in Würzburg öffentlich sichtbar wurde.
Aktion Grün“ – Katholische Jugend im Widerstand
Nach 1933 versuchten die Nationalsozialisten, auch die Jugend immer stärker ihrer Kontrolle zu unterwerfen. Eigenständige katholische Jugendverbände wurden eingeschränkt und schließlich verboten. In Würzburg fanden sich jedoch junge Katholiken zusammen, die ihre Überzeugungen und ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben wollten. Zu den prägenden Persönlichkeiten dieses Widerstands gehörten Oskar Neisinger, Ludwig Altenhöfer und Kaplan Fritz Bauer.
Ihr Widerstand entstand aus dem katholischen Glauben, richtete sich aber zunehmend gegen die nationalsozialistische Diktatur insgesamt. Oskar Neisinger erinnerte sich später, dass die Gruppe schließlich beschloss, mit Flugblättern öffentlich Stellung zu beziehen – gegen den Krieg, gegen die Verfolgung der Kirchen und gegen die Judenverfolgung.
Das Bild zeigt ein Treffen der illegalen katholischen Jugendgruppe an einem Sonntag am Waldrand
Erinnerungen als Quellen
Dabei muss man beachten, dass ein wichtiger Teil unseres Wissens aus den späteren Erinnerungen der Beteiligten stammt. Oskar Neisinger schildert in seinem 1982 erschienenen Buch „Flugblätter“ seine persönlichen Erlebnisse im Widerstand.
Ludwig Altenhöfer veröffentlichte 1955 das Buch Aktion Grün – Ein Buch vom Widerstand der Jugend gegen die Diktatur. Er selbst erklärt darin, dass die geschilderten Szenen auf wirklichen Ereignissen beruhen, Personen jedoch teilweise erfunden und Ereignisse für die Erzählung zeitlich und örtlich zusammengeführt wurden. Das Buch ist deshalb eine wichtige Erinnerungsquelle, aber kein wortgetreues Protokoll der Ereignisse.
Oskar Neisinger – vom Beobachter zum Widerstandskämpfer
Für Oskar Neisinger, der 1941 etwa 22 Jahre alt war, waren die Verbrechen der Nationalsozialisten keine abstrakten Nachrichten. In seinen Erinnerungen beschreibt er, wie er vom Zeichensaal seines Würzburger Gymnasiums aus jüdische Bürger beobachtete, die mit Koffern und Rucksäcken zum Güterbahnhof geführt wurden. Hinter ihnen fuhr ein Wagen mit SS-Männern.
Neisinger schreibt rückblickend, man habe wissen können, was in Deutschland geschah. In seiner Familie wurde Hitler abgelehnt; sein Vater verweigerte nach Neisingers Darstellung während der gesamten NS-Zeit den Hitlergruß. Die Familie wusste von Dachau und Sachsenhausen, von der Verfolgung der Juden und von der Kirchenfeindlichkeit des Regimes.
Diese Erfahrungen wurden für Neisinger zu einem entscheidenden Motiv des Widerstands. Später formulierte er:
„Der Zorn über all das war eine wesentliche Triebkraft für unsere Versuche.“
Der Widerstand der Gruppe sollte deshalb nicht allein die katholische Kirche schützen. Ihre Flugblätter sollten sich ausdrücklich gegen Krieg, Kirchenverfolgung und Judenvernichtung richten.
„Wir beschlossen Flugblätter zu verbreiten“
Irgendwann, erinnert sich Neisinger, genügte es den jungen Katholiken nicht mehr, sich nur innerhalb ihrer illegalen Gruppen gegenseitig zu bestärken. Sie wollten ihren Protest nach außen tragen.
Die Entscheidung fiel auf Flugblätter.
Das war außerordentlich gefährlich. Schon die Herstellung eines regimekritischen Textes konnte zur Verhaftung durch die Gestapo führen. Deshalb entwickelte die Gruppe strenge Sicherheitsregeln. Nur ein kleiner Kreis durfte eingeweiht werden. Verschwiegenheit war oberstes Gebot. Jede Aktion sollte genau geplant und abgesichert werden.
Neisinger betont, dass es ihnen nicht um eine spektakuläre Heldentat ging. Einen „begeisterten Selbstmord“, wie er es später nannte, lehnten sie ab. Ihr Ziel war es, Widerstand zu leisten und gleichzeitig der Gestapo möglichst keinen Zugriff auf die Gruppe zu ermöglichen.
Eine Schreibmaschine nur für den Widerstand
Schon die Herstellung der Flugblätter wurde konspirativ organisiert. Ein Freund aus dem kirchlichen Ordinariat beschaffte der Gruppe eine fabrikneue Schreibmaschine. Das war wichtig: An individuellen Merkmalen eines Schriftbildes hätte die Gestapo möglicherweise erkennen können, auf welcher Maschine eine Matrize geschrieben worden war. Die Maschine wurde deshalb ausschließlich für die Flugblätter benutzt.
Auch die benutzten Matrizen durften keine Spuren hinterlassen. Nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatten, wurden sie vernichtet. Neisinger schildert, dass eine solche Matrize nach Gebrauch sogar an einer langen Leine in einem Abflusskanal des elterlichen Kellers aufgehängt wurde, damit sie durch Feuchtigkeit und Abwasser unbrauchbar wurde.
Widerstand bestand damit nicht nur aus Mut. Er erforderte Planung, Tarnung und große Vorsicht.
Nach Mitternacht beginnt die Aktion
Besonders eindrucksvoll ist Neisingers Beschreibung der nächtlichen Verteilung. Die jungen Männer warteten auf Nächte ohne Vollmond. Nach Mitternacht fuhren sie mit Fahrrädern durch die Dörfer rund um Würzburg.
Einer fuhr etwa hundert Meter voraus und sicherte die Strecke. Ein anderer warf Flugblätter in Höfe, Hauseingänge und auf die Straße. Ludwig Altenhöfer konnte wegen einer schweren körperlichen Behinderung nicht Fahrrad fahren und war deshalb nach Neisingers Bericht allein mit einem dreirädrigen Fahrzeug mit Sachsmotor unterwegs.
Nach der Aktion wurden sogar die Fahrräder sorgfältig gereinigt. Staub und Schmutz von den Landstraßen sollten später nicht verraten können, wo die Gruppe unterwegs gewesen war.
Flugblätter auf Taxis, Parkbänken und in Briefkästen
Die Gruppe beschränkte sich nicht auf Würzburg. Neisinger berichtet von Fahrten mit überfüllten Zügen unter anderem nach München und Frankfurt.
Dort verteilten die jungen Leute ihre Flugblätter möglichst unauffällig: Sie legten sie auf die Dächer von Taxis, warfen sie in Hausbriefkästen, ließen sie auf Parkbänken zurück oder versteckten sie in den dunklen Fluren von Gaststätten.
Danach mussten die Beteiligten ihre auffälligsten Spuren beseitigen: Ein leerer Rucksack bedeutete, dass die Aktion beendet war. Dann ging es zum Bahnhof und zurück nach Würzburg.
Neisinger verschweigt nicht die Angst. Vor jeder Aktion mussten sich die Beteiligten erneut entscheiden, ob sie das Risiko eingehen wollten. Auch Wochen später habe die Furcht vor den möglichen Folgen angehalten.
Kleine Mittel – aber die Gestapo wurde aufmerksam
Den jungen Widerstandskämpfern war bewusst, dass ihre Möglichkeiten begrenzt waren. Mit einigen tausend Flugblättern ließ sich eine Diktatur nicht stürzen.
Doch darum ging es ihnen zunächst auch nicht. Entscheidend war, dass Menschen erfuhren: Es gibt Widerspruch. Nicht alle Deutschen akzeptieren das Unrecht schweigend.
Neisinger erinnerte sich später, dass es ihnen bereits viel bedeutete, wenn einige Menschen auf ihren Protest aufmerksam wurden. Tatsächlich blieb die Wirkung nicht völlig unbemerkt. Texte aus ihren Flugblättern tauchten nach seinen Angaben in Berichten des Sicherheitsdienstes und in Meldungen an das Reichssicherheitshauptamt auf. Die Flugblätter hätten „Unruhe und Aufsehen“ verursacht.
Damit hatten einige junge Menschen mit Schreibmaschine, Matrizen und Fahrrädern zumindest eines erreicht: Die nationalsozialistischen Behörden mussten sich mit ihrem Protest beschäftigen.
„Wir lassen uns das Kreuz nicht rauben!“
Wie offensiv solche Texte formuliert sein konnten, zeigt ein in Aktion Grün wiedergegebenes Flugblatt. Es beginnt mit der direkten Anrede: „Katholiken! Christen!“
Das Flugblatt ruft dazu auf, sich gegen die Entfernung von Kreuzen aus Schulen zu wehren. Sein Schluss ist unmissverständlich: „Wir lassen uns das Kreuz nicht rauben!“
Solche Aussagen zeigen, wo der katholische Widerstand seinen Ausgangspunkt hatte. Die Jugendlichen verteidigten ihren Glauben und die Eigenständigkeit ihrer Kirche gegen den totalen Herrschaftsanspruch des Nationalsozialismus. Bei Neisinger wird zugleich deutlich, dass sich ihre Kritik darüber hinaus gegen Krieg und die Verfolgung der jüdischen Menschen richtete.
Ein Flugblatt entsteht im Kinderzimmer
Ludwig Altenhöfer beschreibt, wie gefährlich schon die Herstellung des ersten Flugblatts war. Es wurde in seinem eigenen Zimmer vervielfältigt. Vor dem Haus hielt jemand Wache, damit die Gruppe nicht überrascht wurde.
Dann geschah etwas Ungeplantes: Altenhöfers Vater kam herein und sah, was die Jugendlichen taten. Er las den Text, wurde blass und ging wortlos wieder hinaus.
Er verriet sie nicht.
Altenhöfer erinnerte sich später auch an seine Mutter. Sie habe manche Nacht schlaflos auf ihren Sohn gewartet und den Rosenkranz gebetet. Die Episode macht deutlich, dass Widerstand nicht nur die unmittelbar Beteiligten gefährdete. Auch ihre Familien lebten mit der Angst vor Gestapo, Gefängnis und Konzentrationslager.
„Wir lieben Hitler nicht“ – Widerstand im Klassenzimmer
Nicht jede Form der Verweigerung benötigte Flugblätter oder geheime Treffen. Manchmal genügte ein Satz.
Altenhöfer berichtet von einer Deutsch-Schulaufgabe in seiner Abiturklasse. Das Thema lautete:
„Warum liebe ich den Führer Adolf Hitler.“
Ludwig hob die Hand und erklärte, dass er dieses Thema nicht bearbeiten könne. Zwei Mitschüler schlossen sich ihm an. Auf die Frage nach dem Grund antworteten die drei:
„Wir lieben Hitler nicht.“
Der Lehrer drohte zunächst mit der Note Sechs, gab ihnen schließlich jedoch ein anderes Thema. Für Schüler einer Diktatur war eine solche offene Verweigerung keineswegs selbstverständlich.
„Grün!“ – das geheime Kennwort
Auch die Treffen der Gruppe mussten verborgen bleiben. Aktion Grün schildert eine Zusammenkunft in einem Dachgeschoss in der Thalerstraße 1. Die jungen Männer kamen einzeln. Vor der nur einen Spalt geöffneten Haustür flüsterten sie:
„Grün!“
Aus dem Haus kam dieselbe Antwort:
„Grün!“
Erst dann wurde die Tür geöffnet.
Oben saßen die jungen Männer bei Kerzenlicht zusammen. Dort wurden Flugblätter verteilt und die nächsten Schritte besprochen. Jeder wusste, was eine Entdeckung bedeuten konnte.
Vor einer besonders gefährlichen Aktion wird den Beteiligten in Altenhöfers Darstellung gesagt:
„Wer erwischt wird, ist verloren. Diesmal geht es um Leben und Tod.“
Das literarisch gestaltete Aktion Grün beruht auf tatsächlichen Vorgängen, Altenhöfer hat jedoch Personen verändert und Ereignisse für seine Erzählung zusammengeführt. Die Szenen sollten deshalb nicht wie wortgetreue Protokolle gelesen werden.
Münsterschwarzach – aus Flugblättern wird öffentlicher Protest
Im Frühjahr 1941 beschlagnahmten die Nationalsozialisten das Benediktinerkloster Münsterschwarzach und vertrieben die Mönche mit ihrem Abt. Für viele katholische Jugendliche der Region war das ein sichtbarer Angriff auf ihre Kirche.
Die Widerstandsgruppe reagierte. In einer nächtlichen Aktion wurden Flugblätter verteilt, die zu einer Protestkundgebung aufriefen.
Am Sonntag, dem 11. Mai 1941, kamen daraufhin zahlreiche Menschen vor der verschlossenen Klosterkirche zusammen. Die Aktion war geplant: Innerhalb der Menge befanden sich Personen, die Gebete und Lesungen anstimmten. Vor dem Kirchenportal stand ein Kordon aus Gendarmen.
Damit war aus der heimlichen Verteilung von Papier ein öffentlicher Protest geworden.
Selbst die Behörden registrierten die Unruhe
Wie groß die Wirkung der Schließung von Münsterschwarzach war, zeigt ein amtlicher Bericht des Regierungspräsidenten an das Bayerische Staatsministerium des Innern vom Mai 1941.
Darin wird festgehalten, dass die Klosterschließung auch in benachbarten Landkreisen „ungeheure Erregung“ hervorgerufen habe. Die allgemeine Stimmung sei dadurch ernsthaft gefährdet worden. Sogar von Drohungen mit Arbeitsniederlegungen in der Landbevölkerung wird berichtet.
Für die Widerstandsgruppe war dies ein seltenes Erlebnis: Eine ihrer Flugblattaktionen hatte zu einer unmittelbar sichtbaren Reaktion geführt.
Vier Verhaftungen – und eine schwierige Entscheidung
Der Widerstand blieb nicht ohne Folgen. Nach einer weiteren Flugblattaktion geschah genau das, was die Gruppe immer befürchtet hatte: Ein Flugblatt wurde bei einer Busfahrt vom Wind direkt vor die Füße einer Gruppe von Gestapobeamten geweht. Es folgten Verhaftungen.
Vier Personen kamen in Untersuchungshaft. Sie kannten Mitglieder der Gruppe und wussten über deren Aktionen Bescheid. Die anderen standen nun vor einer schweren Entscheidung. Sollte die Gestapo die Gefangenen in ein Konzentrationslager bringen oder sie verurteilen lassen, wollten sich Mitglieder der Gruppe nach Neisingers Erinnerung selbst stellen.
Dazu kam es nicht. Die Gefangenen verrieten ihre Mitstreiter trotz der Verhöre nicht und wurden schließlich wieder freigelassen.
Wenn die Gestapo zugreift
Aktion Grün schildert auch Verhaftung, Verhör und Gefängnis. In einer literarisch gestalteten Szene wird das Gruppenmitglied „Hugo“ von Gestapobeamten durchsucht. Sie finden einen Rosenkranzring und behandeln ihn während des Verhörs wie eine verbotene Waffe. Der Gefangene wird geschlagen und schließlich abgeführt.
Seine sarkastische Reaktion lautet:
„Daß der Rosenkranz eine Waffe ist, wußte ich bisher auch noch nicht.“
Die Szene darf nicht als wörtliches Verhörprotokoll verstanden werden. Altenhöfer machte ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er reale Ereignisse literarisch zusammengeführt und Personen verändert hatte. Sie vermittelt aber, welche Erfahrung hinter dem Widerstand stand: Wer entdeckt wurde, konnte der Willkür der Gestapo ausgeliefert sein.
Widerstand mit Flugblättern, Fahrrädern und Mut
Die Würzburger „Aktion Grün“ besaß keine Waffen, keine militärische Organisation und keine Möglichkeit, das NS-Regime unmittelbar zu stürzen. Ihre Mittel waren unscheinbarer: Schreibmaschinen, Matrizen, Flugblätter, Fahrräder, geheime Treffpunkte, Gottesdienste und persönliche Verweigerung.
Gerade darin liegt ihre historische Bedeutung.
Die Beteiligten wussten, wie gering ihre Möglichkeiten waren. Sie wussten aber ebenso, warum sie trotzdem handelten. Neisinger formulierte es später sinngemäß so:
„Schon wenn einige Menschen bemerkten, dass es Protest gegen das Unrecht gab, war etwas erreicht.“
Die Geschichte von Oskar Neisinger, Ludwig Altenhöfer und ihren Mitstreitern zeigt deshalb eine Form des Widerstands, die für Schülerinnen und Schüler besonders nachvollziehbar ist: Es waren junge Menschen, die irgendwann entschieden, dass Zuschauen und Schweigen nicht mehr genügten.
Ludwig Altenhöfer – Widerstand mit körperlicher Behinderung
Ludwig Altenhöfer gehörte neben Oskar Neisinger zu den tragenden Personen der katholischen Jugend im Würzburger Widerstand. Er war 1941 nur 20 Jahre alt.
Eine schwere körperliche Behinderung zwang ihn auf einen Rollstuhl beziehungsweise ein dreirädriges motorisiertes Fahrzeug. Trotzdem beteiligte er sich an gefährlichen Aktionen. Neisinger erinnert sich ausdrücklich daran, dass Altenhöfer bei den nächtlichen Flugblattfahrten allein mit seinem dreirädrigen Fahrzeug unterwegs war.
Er beteiligte sich auch am Protest gegen die Schließung von Münsterschwarzach und an der Kundgebung vor dem Bischofspalais. Diese Aktivitäten führten schließlich zu seiner Festnahme durch die Gestapo und mehrtägiger Haft.
Nach dem Krieg schrieb Altenhöfer seine Erinnerungen in Aktion Grün – Ein Buch vom Widerstand der Jugend gegen die Diktatur nieder.
Oskar Neisinger – ein führender Kopf der Gruppe
Oskar Neisinger war einer der entscheidenden Organisatoren des katholischen Jugendwiderstands in der Diözese Würzburg. Sein christlich geprägtes Elternhaus und die unmittelbar beobachtete Verfolgung von Juden beeinflussten seine Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus.
Seine besondere Bedeutung lag in der Organisation: Aus einer illegal weiterbestehenden katholischen Jugendgemeinschaft entwickelte sich eine Gruppe, die bewusst öffentlich wirken wollte. Die Flugblätter wurden geplant, hergestellt, verteilt und durch Sicherheitsmaßnahmen geschützt.
Neisinger entging einer Verhaftung durch die Gestapo nur durch glückliche Umstände.
Nach dem Krieg wurde er erster Diözesanjugendführer und später stellvertretender Bundesführer des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. 1982 veröffentlichte er seine Erinnerungen unter dem Titel „Flugblätter“.
Weitere Informationen
- Ludwig Altenhöfer: Aktion Grün: Ein Buch vom Widerstand der Jugend gegen die Diktatur, 1995
- Oskar Neisinger: Flugblätter. Katholische Jugend im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Würzburg 1982.
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