Verfolgung einer Sinti-Familie
Ortrun Scheumann – Widerstand im Alltag einer Würzburger Jugendlichen
Ortrun Scheumann
Das Gebäude der heutigen Maria-Ward-Schule in der Annastraße 6 beherbergte während des Zweiten Weltkriegs die Mozartschule, die damalige Städtische Oberschule für Mädchen, die Ortrun Scheumann (geborene Koerber) besuchte. Das Gebäude wurde später allerdings baulich verändert, unter anderem in den 1960er Jahren aufgestockt und in jüngerer Zeit umfassend saniert.
Ortrun legte dort 1944 ihr Abitur ab. Ihre Tagebücher geben einen ungewöhnlich unmittelbaren Einblick in den Schulalltag unter dem Nationalsozialismus und zeigen zugleich, wie sich eine Jugendliche den Erwartungen und Zwängen der Diktatur immer wieder widersetzte.
Ortun mit 19 Jahren
Eine Jugendliche trifft auf die nationalsozialistische Gesellschaft
Ortrun Koerber wurde am 20. Oktober 1924 geboren. Ihre Kindheit unterschied sich stark von der vieler deutscher Jugendlicher. Neun Jahre hatte sie in Japan gelebt, sprach mehrere Sprachen, las englische Literatur und hatte Freunde unterschiedlicher Nationalitäten.
Im April 1939 zog die 14-Jährige mit ihrer Familie nach Würzburg. Dort begegnete sie einer Gesellschaft, deren nationalistische Abschottung und strenge Reglementierung ihr nach ihrem bisherigen Leben besonders fremd erschienen.
Schon wenige Monate nach ihrer Ankunft beschrieb sie ihre neue Umgebung mit großer Distanz:
„Deutschland wirkt manchmal wie ein Gefängnis auf mich. (…) Hier ist alles grau: der Himmel, die Häuser, sogar die Menschen.“
Das Tagebuch wurde in den folgenden sechs Jahren zu einem Ort, an dem Ortrun ihre Gedanken frei formulieren konnte. Sie schrieb über Hitler und den Krieg, über ihre Schule und den Bund Deutscher Mädel, über die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung und über die Verbrechen der Nationalsozialisten. Dabei wusste sie, dass diese Aufzeichnungen für sie und ihre Familie gefährlich werden konnten.
Verweigerung in der Mozartschule
Besonders anschaulich wird Ortruns Haltung in ihren Berichten über den Schulalltag. Die nationalsozialistische Ideologie war auch in der Mozartschule ständig präsent. Im Alter von 16 Jahren beschrieb sie, wie häufig die Schülerinnen den Hitlergruß ausführen mussten:
„Es ist unglaublich, wie oft man in der Schule ,Heil Hitler‘ sagen muss. Jedes Mal wenn ein Lehrer ins Klassenzimmer kommt, müssen wir aufstehen, unsere Arme erheben und ,Heil Hitler‘ rufen. Wenn der Lehrer am Ende der Stunde geht, tun wir dasselbe noch einmal. Wir haben ungefähr fünf Fächer am Tag, das heißt fünf Lehrer und zehn ,Heil Hitler‘.“
Ortrun verweigerte sich dieser alltäglichen Loyalitätsbekundung auf eine unauffällige Weise:
„Ich öffne nur meinen Mund und sage die Worte nicht, aber auch so ist es schon grässlich genug.“
Gerade durch die Verbindung mit der Annastraße erhält dieser Tagebucheintrag eine besondere Anschaulichkeit. Hier befand sich die Schule, in der Ortrun täglich mit den Ritualen der nationalsozialistischen Erziehung konfrontiert wurde. Ihre kleine Geste war kein organisierter politischer Widerstand. Sie zeigt jedoch eine Form persönlicher Verweigerung: Ortrun vermied eine offene Konfrontation, verweigerte aber durch ihr Schweigen die von ihr verlangte Zustimmung.
Verweigerung im Bund Deutscher Mädel
Auch außerhalb der Schule sollte die nationalsozialistische Jugendorganisation das Leben der Jugendlichen bestimmen. Ortrun und ihre Schwester mussten nach ihrer Ankunft in Deutschland dem Bund Deutscher Mädel beitreten. Ortrun suchte jedoch nach Möglichkeiten, sich den Treffen zu entziehen. Als in Würzburg ein Hitlerjugend-Orchester gegründet wurde, trat sie diesem als Cellistin bei. Dadurch musste sie nicht mehr an den regulären Treffen teilnehmen. Als das Orchester später aufgelöst wurde, wurde sie offenbar nicht wieder zu den BDM-Treffen herangezogen – und machte nicht auf dieses Versäumnis aufmerksam.
Ihr Tagebuch zeigt deutlich, wie wenig sie von der politischen Erziehung hielt:
„Musik ist so viel schöner als Reden über Politik und Versammlungen!“
So entstand auch hier eine Form alltäglicher Verweigerung: Ortrun entzog sich, soweit es ihr möglich war, einer Organisation, deren Mitgliedschaft für Jugendliche verpflichtend geworden war.
Verbotene Nachrichten statt Propaganda
Der Widerstand gegen die nationalsozialistische Informationskontrolle war nicht allein Ortruns Sache. Ihre Familie teilte ihre ablehnende Haltung. Im Hause Koerber wurden ausländische Radiosender gehört, insbesondere die BBC. Freunde, die ebenfalls Gegner des Nationalsozialismus waren, kamen zu Besuch; gemeinsam hörte man Nachrichten und sprach über die Situation in Würzburg.
Ortrun wusste genau, welches Risiko die Familie damit einging. Sie schrieb:
„Ab und zu kann man in Zeitungen lesen, dass Leute, die im Radio Auslandssender hören, in Konzentrationslager kommen oder erschossen werden. Trotzdem haben wir das Gefühl, dass wir dieses Risiko eingehen müssen.“
Entscheidend war für sie die Erfahrung, dass die offiziellen deutschen Nachrichten kein verlässliches Bild der Wirklichkeit vermittelten:
„Es ist ein schreckliches Gefühl, nicht zu wissen, was in der Welt passiert. Und man weiß es nie, wenn man nur die deutschen Nachrichten hört.“
Das heimliche Hören ausländischer Sender war deshalb mehr als Neugier. Für die Familie Koerber war es eine bewusste Entscheidung, sich dem Informationsmonopol der Diktatur zu entziehen.
„Ich will, dass mein Vaterland diesen Krieg verliert“
Mit fortschreitendem Krieg wurde Ortruns Ablehnung immer grundsätzlicher. Bemerkenswert ist, wie deutlich die Jugendliche zwischen Deutschland und dem nationalsozialistischen Regime unterschied. Sie konnte sich ihrem Land verbunden fühlen und gleichzeitig dessen militärische Niederlage wünschen, weil sie in einem Sieg der Nationalsozialisten eine Fortsetzung von Unterdrückung und Gewalt sah.
Über die von Deutschland angegriffenen Länder schrieb sie, diese hätten das Recht, wieder frei zu sein. Dann formulierte sie:
„Aber klingt das nicht schrecklich? Ich will, dass mein Vaterland diesen Krieg verliert.“
Als 17-Jährige schrieb sie, das Leben nach einem Sieg der Nationalsozialisten wäre „ganz unerträglich“. Besonders scharf kritisierte sie den Verlust individueller Freiheit:
„Alles wird von oben organisiert und jede Eigenständigkeit wird den Deutschen ausgetrieben. Mir erscheinen sie bereits sehr gut abgerichtet, denn sie nennen dies den idealen Staat und sie sagen mit offensichtlichem Stolz: ,Alles, was wir haben, verdanken wir dem Führer!‘“
Ortruns Tagebuch dokumentiert damit nicht nur eine emotionale Ablehnung Hitlers. Sie erkannte einen zentralen Wesenszug der Diktatur: den Anspruch des Regimes, das Denken und Handeln des Einzelnen zu kontrollieren.
Wissen über die Verbrechen
Ortrun nahm zugleich Informationen über die Gewalt in den besetzten Gebieten auf. Im September 1941 berichtete sie von den Erzählungen eines aus Polen zurückgekehrten deutschen Offiziers. Sie erfuhr von hungernden Menschen in Warschau und von Hinrichtungen der polnischen Bevölkerung.
Ihre Reaktion war eindeutig:
„Niemals, niemals, so lange ich lebe, werde ich den Nazis ihre Taten vergeben!“
Im Dezember 1942 bemerkte die inzwischen 18-Jährige außerdem, dass jüdische Menschen aus dem Würzburger Stadtbild verschwunden waren. Als sie erfuhr, dass die Deportierten im Osten getötet würden, schrieb sie:
„Ich hatte keine Ahnung, wohin sie alle gekommen waren und war schrecklich schockiert, als ich hörte, dass alle Juden, die in Deutschland leben, nach Polen geschickt wurden, wo sie mit Tausenden von polnischen Juden – Männern, Frauen und Kindern – getötet werden sollen! Ist das möglich? Es ist so grausam, so unglaublich grausam!“
Damit dokumentierte das Tagebuch zeitgenössisches Wissen und Gerüchte über die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung – und zugleich Ortruns Entsetzen darüber.
Das Tagebuch selbst wurde zur Gefahr
Ortrun war sich bewusst, dass ihre Aufzeichnungen belastendes Material gegen sie darstellten. Sie hielt fest:
„Wenn ein Fremder dieses Tagebuch lesen würde, wäre das eine Katastrophe für mich und meine ganze Familie. Ich darf es niemals herumliegen lassen.“
Sie wusste, dass Menschen wegen wesentlich geringerer Äußerungen verfolgt und in Konzentrationslager gebracht worden waren. Trotzdem schrieb sie weiter. Ihre Mutter Louise unterstützte sie und half später dabei, die Tagebücher zu verstecken. Zeitweise wurde die Familie von der Gestapo beobachtet.
Das Tagebuch war zunächst kein für die Öffentlichkeit bestimmter Widerstandstext. Es veränderte das Regime nicht unmittelbar und mobilisierte keine Widerstandsgruppe. Aber es bewahrte Gedanken, Beobachtungen und Urteile, die öffentlich nicht ausgesprochen werden konnten. Ortrun behauptete damit einen privaten Raum, in dem die Diktatur nicht bestimmen sollte, was sie denken durfte.
Menschlichkeit gegenüber einem Kriegsgefangenen
1944 legte Ortrun an der Mozartschule ihr Abitur ab. Anschließend wurde sie zum Arbeitseinsatz verpflichtet und musste ab Mai in der Granatenproduktion bei Koenig & Bauer arbeiten. Dort lernte sie den italienischen Kriegsgefangenen Carlo kennen und verliebte sich in ihn. Die Familie unterstützte Carlo, obwohl Kontakte zu Kriegsgefangenen streng reglementiert waren und für die Beteiligten gefährlich werden konnten.
Diese Beziehung fügt Ortruns Verweigerung eine weitere Dimension hinzu. Die nationalsozialistische Ordnung versuchte, Menschen nach Herkunft und politischem Status voneinander zu trennen. Ortrun und ihre Familie begegneten Carlo dagegen als Menschen. Ihr Verhalten steht damit für Solidarität und Menschlichkeit unter den Bedingungen einer Diktatur.
Veröffentlichung der Tagebücher
Nach Kriegsende arbeitete Ortrun Koerber zunächst als Deutschlehrerin an einer amerikanischen Schule und studierte anschließend Musik; später heiratete sie Günther Scheumann und lebte mit ihrer Familie in Würzburg. Sie starb 2019 kurz vor ihrem 95. Geburtstag in Bad Dürkheim.
Ihre während der NS-Zeit entstandenen Tagebücher wurden Jahrzehnte später veröffentlicht und machten ihre Erinnerungen an Krieg, Diktatur und alltägliche Verweigerung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.
Widerstand im Alltag einer Würzburger Jugendlichen
Ortrun Scheumann war keine Widerstandskämpferin im engeren Sinne einer organisierten politischen oder militärischen Widerstandsgruppe. Gerade deshalb ist ihre Geschichte für die Frage nach Widerstand im Alltag interessant. Ihre Haltung zeigte sich in vielen einzelnen Handlungen: Sie verweigerte heimlich den Hitlergruß, entzog sich soweit möglich dem BDM, hörte verbotene Auslandssender, diskutierte mit ihrer Familie über nicht zensierte Nachrichten, schrieb ihre Kritik in einem geheimen Tagebuch nieder und widersetzte sich den vom Regime verlangten Grenzen im Umgang mit einem italienischen Kriegsgefangenen.
Viele Jahrzehnte später brachte Ortrun Scheumann die Haltung, die hinter diesen Handlungen stand, in einem Satz auf den Punkt:
„Man hält sich doch an das, was man für richtig hält und nicht an jedes Gesetz, das man vorgesetzt kriegt.“
Dieser Satz beschreibt keine spektakuläre Widerstandsaktion, sondern eine Haltung, die sich durch ihre Würzburger Jugendjahre zog: Gesetze und Befehle waren für sie nicht allein deshalb richtig, weil eine staatliche Autorität sie erlassen hatte.
Weitere Informationen
- Ortrun Scheumann: „Geliebte Feinde. Ein Mädchen erlebt das Dritte Reich in Würzburg“, 2015
- Online-Artikel: Weltbürgerin unter Nazis
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