Widerstand als politischer Publizist
Ortrun Scheumann – Widerstand im Alltag einer Würzburger Jugendlichen
Ortrun Scheumann – Widerstand im Alltag einer Würzburger Jugendlichen
Das heutige Röntgen-Gymnasium am Sanderring ist ein geeigneter Ausgangspunkt, um an Ortrun Scheumann, geborene Koerber, und ihre Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus zu erinnern. Als die 14-Jährige im April 1939 nach neun Jahren in Japan mit ihrer Familie nach Würzburg kam, erhielt ihr Vater Josef Koerber eine Stelle als Studienrat an der damaligen Oberrealschule, dem heutigen Röntgen-Gymnasium. Ortrun selbst besuchte die Mozartschule und legte dort 1944 ihr Abitur ab. Der Ort am Sanderring steht damit nicht für ihre eigene Schule, wohl aber für die Ankunft der Familie in Würzburg und den Beginn jener Jahre, die Ortrun in ihren Tagebüchern festhielt.
Eine Jugendliche trifft auf die nationalsozialistische Gesellschaft
Ortrun Koerber wurde am 20. Oktober 1924 geboren. Ihre Kindheit unterschied sich stark von der vieler deutscher Jugendlicher. Neun Jahre hatte sie in Japan gelebt, sprach mehrere Sprachen, las englische Literatur und hatte Freunde unterschiedlicher Nationalitäten. Im April 1939 zog die Familie nach Würzburg an den Wittelsbacherplatz. Dort begegnete Ortrun einer Gesellschaft, deren nationalistische Abschottung und strenge Reglementierung ihr nach ihrem bisherigen Leben besonders fremd erschienen.
Schon wenige Monate nach ihrer Ankunft beschrieb sie ihre neue Umgebung mit großer Distanz:
„Deutschland wirkt manchmal wie ein Gefängnis auf mich. (…) Hier ist alles grau: der Himmel, die Häuser, sogar die Menschen.“
Das Tagebuch wurde in den folgenden sechs Jahren zu einem Ort, an dem Ortrun ihre Gedanken frei formulieren konnte. Sie schrieb über Hitler und den Krieg, über Schule und BDM, über die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung und über die Verbrechen der Nationalsozialisten. Dabei wusste sie, dass diese Aufzeichnungen für sie und ihre Familie gefährlich werden konnten.
Verweigerung in der Schule
Besonders anschaulich wird Ortruns Haltung in ihren Berichten über den Schulalltag. Die nationalsozialistische Ideologie war dort allgegenwärtig. Im März 1941, inzwischen 16 Jahre alt, beschrieb sie, wie häufig Schülerinnen den Hitlergruß ausführen mussten:
„Es ist unglaublich, wie oft man in der Schule ,Heil Hitler‘ sagen muss. Jedes Mal wenn ein Lehrer ins Klassenzimmer kommt, müssen wir aufstehen, unsere Arme erheben und ,Heil Hitler‘ rufen. Wenn der Lehrer am Ende der Stunde geht, tun wir dasselbe noch einmal.“
Ortrun verweigerte sich dieser alltäglichen Loyalitätsbekundung auf eine unauffällige Weise:
„Ich öffne nur meinen Mund und sage die Worte nicht, aber auch so ist es schon grässlich genug.“
Diese kleine Geste war kein organisierter politischer Widerstand. Sie zeigt jedoch eine Form persönlicher Verweigerung: Ortrun erfüllte äußerlich gerade so weit die Erwartungen, dass ihre Ablehnung nicht auffiel, verweigerte aber innerlich und durch ihr Schweigen die Zustimmung.
Verweigerung im Bund Deutscher Mädel
Auch der Bund Deutscher Mädel sollte Jugendliche an das nationalsozialistische System binden. Ortrun und ihre Schwester mussten nach ihrer Ankunft in Deutschland dem BDM beitreten. Ortrun suchte jedoch nach Möglichkeiten, sich den Treffen zu entziehen. Als in Würzburg ein Hitlerjugend-Orchester gegründet wurde, trat sie diesem als Cellistin bei. Dadurch musste sie nicht mehr an den regulären Treffen teilnehmen. Als das Orchester später aufgelöst wurde, wurde sie offenbar nicht wieder zu den BDM-Treffen herangezogen – und machte nicht auf dieses Versäumnis aufmerksam.
Ihr Tagebuch zeigt deutlich, wie wenig sie von der politischen Erziehung hielt:
„Musik ist so viel schöner als Reden über Politik und Versammlungen!“
So entstand auch hier eine Form alltäglicher Verweigerung: Ortrun entzog sich, soweit es ihr möglich war, einer Organisation, deren Mitgliedschaft für Jugendliche verpflichtend geworden war.
Verbotene Nachrichten statt Propaganda
Der Widerstand gegen die nationalsozialistische Informationskontrolle war nicht allein Ortruns Sache. Ihre Familie teilte ihre ablehnende Haltung. Im Hause Koerber wurden ausländische Radiosender gehört, insbesondere die BBC. Freunde, die ebenfalls Gegner des Nationalsozialismus waren, kamen zu Besuch; gemeinsam hörte man Nachrichten und sprach über die Situation in Würzburg.
Ortrun wusste genau, welches Risiko die Familie damit einging. Im Juli 1940 schrieb sie:
„Ab und zu kann man in Zeitungen lesen, dass Leute, die im Radio Auslandssender hören, in Konzentrationslager kommen oder erschossen werden. Trotzdem haben wir das Gefühl, dass wir dieses Risiko eingehen müssen.“
Entscheidend war für sie die Erfahrung, dass die offiziellen deutschen Nachrichten kein verlässliches Bild der Wirklichkeit vermittelten:
„Es ist ein schreckliches Gefühl, nicht zu wissen, was in der Welt passiert. Und man weiß es nie, wenn man nur die deutschen Nachrichten hört.“
Das heimliche Hören ausländischer Sender war deshalb mehr als Neugier. Für die Familie Koerber war es eine bewusste Entscheidung, sich dem Informationsmonopol der Diktatur zu entziehen.
„Ich will, dass mein Vaterland diesen Krieg verliert“
Mit fortschreitendem Krieg wurde Ortruns Ablehnung immer grundsätzlicher. Bemerkenswert ist, wie deutlich die Jugendliche zwischen Deutschland und dem nationalsozialistischen Regime unterschied. Sie konnte sich ihrem Land verbunden fühlen und gleichzeitig dessen militärische Niederlage wünschen, weil sie in einem Sieg der Nationalsozialisten eine Fortsetzung von Unterdrückung und Gewalt sah.
Über die von Deutschland angegriffenen Länder schrieb sie, diese hätten das Recht, wieder frei zu sein. Dann formulierte sie:
„Aber klingt das nicht schrecklich? Ich will, dass mein Vaterland diesen Krieg verliert.“
Als 17-Jährige schrieb sie, das Leben nach einem Sieg der Nationalsozialisten wäre „ganz unerträglich“. Besonders scharf kritisierte sie den Verlust individueller Freiheit:
„Alles wird von oben organisiert und jede Eigenständigkeit wird den Deutschen ausgetrieben.“
Ortruns Tagebuch dokumentiert damit nicht nur eine emotionale Ablehnung Hitlers. Sie erkannte einen zentralen Wesenszug der Diktatur: den Anspruch des Regimes, das Denken und Handeln des Einzelnen zu kontrollieren.
Wissen über die Verbrechen
Ortrun nahm zugleich Informationen über die Gewalt in den besetzten Gebieten auf. Im September 1941 berichtete sie von den Erzählungen eines aus Polen zurückgekehrten deutschen Offiziers. Sie erfuhr von hungernden Menschen in Warschau und von Hinrichtungen der polnischen Bevölkerung.
Ihre Reaktion war eindeutig:
„Niemals, niemals, so lange ich lebe, werde ich den Nazis ihre Taten vergeben!“
Im Dezember 1942 bemerkte die inzwischen 18-Jährige außerdem, dass jüdische Menschen aus dem Würzburger Stadtbild verschwunden waren. Als sie erfuhr, dass die Deportierten im Osten getötet würden, schrieb sie:
„Ich hatte keine Ahnung, wohin sie alle gekommen waren und war schrecklich schockiert, als ich hörte, dass alle Juden, die in Deutschland leben, nach Polen geschickt wurden, wo sie mit Tausenden von polnischen Juden – Männern, Frauen und Kindern – getötet werden sollen! Ist das möglich? Es ist so grausam, so unglaublich grausam!“
Damit dokumentierte das Tagebuch zeitgenössisches Wissen und Gerüchte über die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung – und zugleich Ortruns Entsetzen darüber.
Das Tagebuch selbst wurde zur Gefahr
Ortrun war sich bewusst, dass ihre Aufzeichnungen belastendes Material gegen sie darstellten. Im Mai 1941 hielt sie fest:
„Wenn ein Fremder dieses Tagebuch lesen würde, wäre das eine Katastrophe für mich und meine ganze Familie. Ich darf es niemals herumliegen lassen.“
Sie wusste, dass Menschen wegen wesentlich geringerer Äußerungen in Konzentrationslager gebracht worden waren. Trotzdem schrieb sie weiter. Ihre Mutter Louise unterstützte sie und half später dabei, die Tagebücher zu verstecken. Zeitweise wurde die Familie von der Gestapo beobachtet.
Das Tagebuch war zunächst kein für die Öffentlichkeit bestimmter Widerstandstext. Es veränderte das Regime nicht unmittelbar und mobilisierte keine Widerstandsgruppe. Aber es bewahrte Gedanken, Beobachtungen und Urteile, die öffentlich nicht ausgesprochen werden konnten. Ortrun behauptete damit einen privaten Raum, in dem die Diktatur nicht bestimmen sollte, was sie denken durfte.
Menschlichkeit gegenüber einem Kriegsgefangenen
1944 legte Ortrun ihr Abitur ab. Anschließend wurde sie zum Arbeitseinsatz verpflichtet und musste ab Mai in der Granatenproduktion bei Koenig & Bauer arbeiten. Dort lernte sie den italienischen Kriegsgefangenen Carlo kennen und verliebte sich in ihn. Die Familie unterstützte Carlo, obwohl der Umgang mit Kriegsgefangenen streng reglementiert war und solche Kontakte für die Beteiligten gefährlich werden konnten.
Diese Beziehung fügt Ortruns Verweigerung eine weitere Dimension hinzu. Die nationalsozialistische Ordnung versuchte, Menschen nach Herkunft und politischem Status voneinander zu trennen. Ortrun und ihre Familie begegneten Carlo dagegen als Menschen. Ihr Verhalten steht damit für Solidarität und Menschlichkeit unter den Bedingungen einer Diktatur.
Widerstand ohne Organisation
Ortrun Scheumann war keine Widerstandskämpferin im engeren Sinne einer organisierten politischen oder militärischen Widerstandsgruppe. Gerade deshalb ist ihre Geschichte für die Frage nach Widerstand im Alltag interessant. Ihre Haltung zeigte sich in vielen einzelnen Handlungen: Sie verweigerte heimlich den Hitlergruß, entzog sich soweit möglich dem BDM, hörte verbotene Auslandssender, diskutierte mit ihrer Familie über nicht zensierte Nachrichten, schrieb ihre Kritik in einem geheimen Tagebuch nieder und widersetzte sich den vom Regime verlangten Grenzen im Umgang mit einem italienischen Kriegsgefangenen.
Viele Jahrzehnte später brachte Ortrun Scheumann die Haltung, die hinter diesen Handlungen stand, in einem Satz auf den Punkt:
„Man hält sich doch an das, was man für richtig hält und nicht an jedes Gesetz, das man vorgesetzt kriegt.“
Dieser Satz beschreibt keine spektakuläre Widerstandsaktion, sondern eine Haltung, die sich durch ihre Würzburger Jugendjahre zog: Gesetze und Befehle waren für sie nicht allein deshalb richtig, weil eine staatliche Autorität sie erlassen hatte.
Das Röntgen-Gymnasium als Erinnerungsort
Das heutige Röntgen-Gymnasium kann diese Geschichte räumlich mit Würzburg verbinden. Dabei sollte deutlich bleiben, dass Ortrun selbst nicht dort Schülerin war. Ihr Vater Josef Koerber unterrichtete an der damaligen Oberrealschule; Ortrun besuchte die Mozartschule. Das Röntgen-Gymnasium steht deshalb vor allem für die Ankunft der Familie Koerber in Würzburg im Jahr 1939 und für den schulischen Kontext, in dem die nationalsozialistische Ideologie den Alltag von Lehrern, Schülern und Familien bestimmte.
Von diesem Ort aus lässt sich Ortruns Geschichte besonders anschaulich erzählen: die 14-Jährige, die aus einem internationalen Umfeld nach Würzburg kam; die Schülerin, die beim vorgeschriebenen „Heil Hitler“ nur den Mund bewegte; die Jugendliche, die sich dem BDM zu entziehen versuchte; die Familie, die heimlich BBC hörte; und schließlich die junge Frau, die trotz der Gefahr durch die Gestapo weiter aufschrieb, was sie beobachtete und dachte.
Damit wird das Röntgen-Gymnasium zu einem möglichen Erinnerungsort für eine besondere Form des Widerstands: nicht den bewaffneten oder organisierten Kampf, sondern die Weigerung einer Jugendlichen, Propaganda, Gehorsam und Menschenverachtung als selbstverständlich hinzunehmen.
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