Widerstand einer jugendlichen Tagebuchschreiberin
Stolperstein Franz Wirsching – Gewerkschafter und politischer Widerstandskämpfer
Franz Wirsching
Der Stolperstein für Franz Wirsching am Haugerring 10 in Würzburg erinnert an einen Sozialdemokraten und Gewerkschafter, dessen Widerstand gegen den Nationalsozialismus bereits 1933 begann und bis zu seiner erneuten Verhaftung 1944 anhielt. Anders als bei vielen Formen alltäglicher Verweigerung war Wirschings Widerstand deutlich politisch motiviert und über Jahrzehnte in der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung verwurzelt. Seine Verfolgung führte ihn schließlich in das Konzentrationslager Dachau, wo er wenige Monate vor Kriegsende starb.
Sozialdemokrat und Gewerkschafter in Würzburg
Franz Wirsching wurde 1876 geboren und engagierte sich über viele Jahre in der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Bewegung in Würzburg und Umgebung. Seit 1904 gehörte er der SPD an. Sein politisches Engagement war eng mit seinem Einsatz für die Interessen der Arbeiterschaft verbunden.
Eine zentrale Stellung nahm Wirsching in der Würzburger Gewerkschaftsbewegung ein. Bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 war er Sekretär des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Würzburg. Damit gehörte er zu den bekannten örtlichen Funktionären jener Organisationen, die von den Nationalsozialisten als politische Gegner betrachtet und nach der Machtübernahme systematisch ausgeschaltet wurden.
Der Sturm auf das Würzburger Gewerkschaftshaus
Schon wenige Wochen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme bekam Wirsching die politische Verfolgung unmittelbar zu spüren. Im März 1933 wurde das Würzburger Gewerkschaftshaus gestürmt. Im Zuge dieser Aktion wurde auch Franz Wirsching festgenommen und in sogenannte „Schutzhaft“ gebracht.
Der Begriff verschleierte den tatsächlichen Charakter dieser Maßnahme. Die „Schutzhaft“ ermöglichte es den Nationalsozialisten, politische Gegner ohne reguläres Gerichtsverfahren festzuhalten. Für Wirsching bedeutete die Verhaftung zugleich das Ende seiner bisherigen politischen und gewerkschaftlichen Tätigkeit. Seine Funktionen und Ämter wurden ihm entzogen.
Die Verfolgung Wirschings steht damit exemplarisch für die Zerschlagung der freien Gewerkschaftsbewegung. Sozialdemokratische und gewerkschaftliche Strukturen sollten nicht nur politisch entmachtet, sondern dauerhaft aus dem gesellschaftlichen Leben entfernt werden.
Heimliche Schriften gegen das NS-Regime
Doch Franz Wirsching verstummte nicht. 1941 wurde er erneut aktiv und ging nun zum heimlichen Widerstand über. Er verfasste regimekritische Texte und Flugschriften und sorgte dafür, dass diese weitergegeben und verbreitet wurden.
Damit nahm Wirschings Widerstand eine besonders konkrete Form an. Das Verfassen und Verbreiten oppositioneller Schriften stellte die nationalsozialistische Kontrolle über Nachrichten und politische Meinungsbildung unmittelbar infrage. In einem Staat, in dem Presse und Rundfunk gleichgeschaltet waren und offene Kritik verfolgt wurde, konnten heimlich verbreitete Texte eine Möglichkeit bieten, andere Informationen und politische Positionen weiterzugeben.
Wirsching nahm dabei ein erhebliches persönliches Risiko in Kauf. Als langjähriger Sozialdemokrat und Gewerkschaftsfunktionär war er den Behörden bereits als politischer Gegner bekannt.
Gestapohaft und Gefängnis
1942 wurde Franz Wirsching von der Gestapo festgenommen. Anlass waren seine regimekritischen Schriften und deren Verbreitung. Sein Fall kam vor das Sondergericht Bamberg, das ihn zu 15 Monaten Gefängnis verurteilte.
Seine Verurteilung zeigt, dass die nationalsozialistische Verfolgung in seinem Fall unmittelbar auf eine konkrete Widerstandshandlung reagierte. Wirsching beschränkte sich nicht auf eine private Ablehnung des Regimes. Mit dem Verfassen und Verbreiten seiner Schriften versuchte er, seine Kritik auch anderen Menschen zugänglich zu machen.
Nach Verbüßung der Gefängnisstrafe blieb Wirsching als ehemaliger SPD- und Gewerkschaftsfunktionär für die nationalsozialistischen Sicherheitsbehörden ein politisch Verdächtiger.
Verhaftung bei der „Aktion Gewitter“
Im August 1944 wurde Franz Wirsching erneut verhaftet. Diesmal erfolgte der Zugriff im Rahmen der sogenannten „Aktion Gewitter“. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 ließ das NS-Regime zahlreiche ehemalige Funktionäre und Mandatsträger insbesondere der SPD, der KPD und der Gewerkschaften festnehmen.
Auch Wirsching geriet in diese Verhaftungswelle. Dass er bereits seit Jahren als politischer Gegner bekannt und wegen seiner Widerstandstätigkeit verurteilt worden war, machte ihn besonders gefährdet. Die Verhaftung erfolgte dabei nicht aufgrund einer neu nachgewiesenen Tat, sondern vor dem Hintergrund seiner früheren politischen Tätigkeit und seiner bekannten Gegnerschaft zum Regime.
Wirsching wurde in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Für den inzwischen älteren Mann bedeuteten die dortigen Haftbedingungen eine extreme körperliche Belastung. Im Februar 1945 starb Franz Wirsching in Dachau, nur wenige Monate vor dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft.
Beharrlicher politischer Widerstand
Franz Wirschings Geschichte unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von vielen anderen Würzburger Widerstandsbiografien: Seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus hatte eine deutlich erkennbare politische Kontinuität. Schon lange vor 1933 war er Sozialdemokrat und Gewerkschafter. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er gerade wegen dieses Engagements verfolgt und seiner bisherigen Wirkungsmöglichkeiten beraubt.
Sein Lebensweg zeigt damit auch die verschiedenen Stufen nationalsozialistischer politischer Verfolgung: Ausschaltung aus dem öffentlichen Leben, „Schutzhaft“, Überwachung, Gestapo-Verhaftung, Verurteilung durch ein Sondergericht und schließlich Einweisung in ein Konzentrationslager.
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