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Norbert Glanzberg – von der Wolfhartsgasse nach Paris

Norbert Glanzberg

Die Wolfhartsgasse 6 in Würzburg ist ein Erinnerungsort an den jüdischen Pianisten, Dirigenten und Komponisten Norbert Glanzberg.

Hier verbrachte er einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend, hier lebten seine Eltern noch während des Novemberpogroms 1938 – und hier erinnert heute eine Gedenktafel an den Musiker, der später für einige der bekanntesten französischen Sänger und Sängerinnen komponierte.

Glanzbergs Lebensweg führte von einfachen Verhältnissen in Würzburg über Berlin nach Frankreich. Als Jude musste er vor den Nationalsozialisten fliehen und überlebte die deutsche Besatzung Frankreichs mit Hilfe von Freunden.

Das Bild zeigt die Gedenktafel für Norbert Glanzberg, mit einem Portrait von ihm.

Kindheit in der Wolfhartsgasse

Norbert Glanzberg wurde am 12. Oktober 1910 in Rohatyn, in der heutigen Ukraine, geboren. Als er etwa ein Jahr alt war, wanderte seine Familie nach Würzburg aus. 1914 kam hier seine Schwester Liesel zur Welt. Sein Vater Samuel arbeitete als Vertreter einer Schweinfurter Weinhandlung. Die Mutter Malka hielt die Familie während dieser Zeit mit ihrer Arbeit als Näherin über Wasser.

Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen in der Wolfhartsgasse, einem Viertel, in dem zahlreiche weniger wohlhabende jüdische Familien lebten, darunter viele, die wie die Glanzbergs aus Osteuropa stammten. Würzburg wurde für Norbert Glanzberg zur Heimat seiner Kindheit. Später erinnerte er sich: „Als ich ein Jahr alt war, kam ich nach Würzburg und wusste gar nicht, was Polen ist.“

„Mama, warum weint die Musik, warum lacht die Musik?“

Schon als Kind entwickelte Glanzberg eine außergewöhnliche Beziehung zur Musik. Seine Mutter nahm ihn gelegentlich mit in Stummfilmvorführungen im „Lu-Li“-Kino in der Domstraße, die von einem kleinen Orchester begleitet wurden. Der junge Norbert fragte seine Mutter: „Mama, warum weint die Musik, warum lacht die Musik?“ Schon damals faszinierte ihn die Fähigkeit der Musik, Gefühle auszudrücken. Bereits als Dreijähriger spielte er Mundharmonika. 

Vom Schüler zum jungen Musiker

Glanzberg besuchte zunächst vier Jahre die jüdische Volksschule und anschließend das Realgymnasium, das heutige Siebold-Gymnasium. Seine eigentliche Leidenschaft galt jedoch der Musik. Mit 16 Jahren verließ Glanzberg gegen den Rat seiner Eltern das Gymnasium, um sich auf seine musikalische Laufbahn zu konzentrieren.

Am Würzburger Stadttheater

Noch vor seinem 18. Geburtstag erhielt Glanzberg einen Vertrag am Würzburger Stadttheater. Als Kapellmeister-Volontär und Solo-Repetitor arbeitete er dort zunächst ohne Bezahlung. Bald wurde er auch als Pianist eingesetzt und erhielt schließlich die Gelegenheit zu dirigieren. Mit gerade einmal 18 Jahren stand der junge Musiker aus der Wolfhartsgasse damit am Dirigentenpult des Würzburger Stadttheaters.

Karriere und Flucht

Über Aachen gelangte Glanzberg 1930 nach Berlin, wo er zunächst als Kapellmeister und bald auch als Filmkomponist arbeitete.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Glanzberg als jüdischer Musiker zum Ziel antisemitischer Hetze. Im Sommer 1933 floh er nach Paris. Während der deutschen Besatzung Frankreichs musste er sich erneut vor der Verfolgung verstecken. Freunde aus der französischen Musikszene, darunter Tino Rossi und Edith Piaf, halfen ihm. Piaf organisierte zeitweise ein Versteck für ihn im Schloss einer Gräfin am Mittelmeer. Glanzberg überlebte die Verfolgung und setzte nach dem Krieg seine Karriere als Komponist fort.

Das Novemberpogrom: Die Rettung seiner Eltern in der Wolfhartsgasse

Während Norbert Glanzberg bereits im französischen Exil lebte, befanden sich seine Eltern Samuel und Malka 1938 noch in Würzburg. Während des Novemberpogroms wurden überall in der Stadt jüdische Wohnungen, Geschäfte und Synagogen angegriffen. Auch für die Familie Glanzberg in der Wolfhartsgasse bestand unmittelbare Gefahr.

Doch ausgerechnet ein Mann, von dem in dieser Situation kaum Hilfe zu erwarten gewesen wäre, schützte die Familie: Im selben Haus wohnte ein Angehöriger der SA. Als Nationalsozialisten kamen, um nach der jüdischen Familie Glanzberg zu suchen, belog er seine eigenen Parteigenossen und behauptete, die Glanzbergs seien nicht zu Hause.

Die Täuschung gelang. Die Männer zogen weiter. Damit bewahrte der SA-Mann Norbert Glanzbergs Eltern vor dem Zugriff der Pogromtäter und vor der Gewalt und Verwüstung, die zahlreiche andere jüdische Familien in Würzburg an diesem Tag erleiden mussten.

Die Rettung bedeutete jedoch nicht, dass die Glanzbergs in Würzburg weiterhin sicher waren. Das Novemberpogrom hatte deutlich gemacht, wie unmittelbar ihr Leben bedroht war. Kurz darauf verließen Samuel und Malka Glanzberg Deutschland und emigrierten zu ihrer Tochter in die Vereinigten Staaten.

Jahrzehnte später erzählte Norbert Glanzberg bei seinem Besuch in Würzburg von der außergewöhnlichen Rettung seiner Eltern.

Ein erfolgreicher Komponist in Frankreich

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Glanzberg nach Paris zurück. Er arbeitete mit Künstlern wie Tino Rossi, Yves Montand und Edith Piaf und komponierte zahlreiche Chansons und Filmmusiken. Zu seinen bekanntesten Werken gehörten „Padam … Padam“, „Mon manège à moi“ und „Au bal de la chance“. Später beschäftigte er sich in Werken wie der „Jiddischen Suite“ und den sogenannten „Holocaust-Liedern“ auch musikalisch mit jüdischer Geschichte, Verfolgung und Erinnerung.

Rückkehr nach Würzburg

Am 14. März 1998 kehrte der 87-jährige Norbert Glanzberg für einen besonderen Konzertabend nach Würzburg zurück. In der Musikhochschule wurden unter anderem seine „Jiddische Suite“ und seine Vertonungen von Gedichten von Widerstandskämpfern und Opfern des Nationalsozialismus aufgeführt. Am Ende des Abends setzte sich Glanzberg selbst ans Klavier und spielte „Padam … Padam“.

Die Rückkehr in die Stadt seiner Kindheit bewegte ihn tief. Später sagte er: „Etwas wiederzufinden, was mir auch einmal gehörte, wo ich hingehörte, war natürlich sehr bewegend.“ Die herzliche Aufnahme in Würzburg habe das Geschehene zwar nicht vergessen lassen, aber ein wenig „übertünchen“ können.

Die Wolfhartsgasse 6 als Erinnerungsort

Norbert Glanzberg starb am 25. Februar 2001 im Alter von 90 Jahren. Im Mai 2004 wurde in Anwesenheit seines Sohnes Serge am Haus Wolfhartsgasse 6 eine Gedenktafel zu seinen Ehren enthüllt.

Gedenktafel von Norbert Glanzberg.

Die Wolfhartsgasse 6 steht für Glanzbergs Kindheit und seine ersten musikalischen Schritte, zugleich aber auch für die nationalsozialistische Verfolgung seiner Familie und die außergewöhnliche Rettung seiner Eltern während des Novemberpogroms. Heute erinnert das Haus an einen Würzburger Musiker, dessen Lebensweg von Verfolgung und Flucht geprägt wurde und der dennoch eine internationale Karriere als Komponist machte.

Weitere Informationen

  • Norbert Glanzberg, Kapitel aus: Roland Flade: Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken, Mainpost 2025

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